Das zufällige Zusammentreffen der Ereignisse in diesen beiden Juniwochen erlaubt einen tiefen Blick auf die jüngste deutsche Geschichte: Noch bis zum Freitag dieser Woche (20. Juni 2025) wird Christo und Jean-Claudes Verhüllung des Reichstags im Sommer 1995 mit starken Projektoren optisch über den Mauern des Bauwerks ausgerollt; am Wochenende danach (27. und 28. Juni) wird die Fertigstellung des neu aufgebauten Schlosses in der City als Sitz des Humboldt Forums gefeiert.
Wir erinnern uns: Das ehemalige Stadtschloss wäre nach dem Ende des Krieges durchaus weiterhin nutzbar gewesen, doch die DDR-Regierung ließ es 1950 als Symbol vergangener Zeiten sprengen und wegräumen. Danach wurde dort der Palast der Republik errichtet, mit einem freien Gelände davor, als Parkplatz für die Trabis und Wartburgs der Hauptstadtbesucher genutzt.
Der Palast („Erichs Lampenladen“) wurde von 1998 an abgerissen und auf Beschluss des Deutschen Bundestags durch einen Neubau in den exakten Maßen des alten Hohenzollern-Baus ersetzt. Die Fassade, die wir auf dem Foto oben sehen, entstand in unermüdlichem Spendensammeln durch Wilhelm von Boddien, entspricht en Detail der barocken Gebäudehaut von Andreas Schlüter. Sie gibt dem Baukörper, der so gewaltig ist, dass er selbst den monumentalen Dom nebenan optisch kleiner macht, wenigstens den Anschein von irgendwas.
Die Aufgabe, dem Bauwerk Leben einzuhauchen, liegt nun auf dem Tisch der Stiftung Humboldt Forum.
Aber die Architektur als solche atmet nicht: Sie ist – ähnlich wie bei den Schlossneubauten in Potsdam, jetzt Sitz des brandenburgischen Parlaments, und in Braunschweig, mit einem Einkaufszentrum (sowie Museum und Stadtbibliothek) innen drin – aus der Zeit gefallen.
Das Museum Barberini in Potsdam kämpft mit großartigen Ausstellungen tapfer gegen die Übermacht der Schlossmasse nebenan.
Wir bringen das mit dem Reichstag in Verbindung, weil dort ein anderer Weg gegangen wurde: In einem internationalen Wettbewerb wurden Architekten um Vorschläge für eine Erneuerung gebeten, und Norman Foster war mit seiner großartigen Kuppel der Preisträger. Er schaffte das schier Unmögliche, den Vorgängerbau zu übernehmen und als Ort der modernen deutschen Demokratie neu zu erfinden.
Ähnliche Beispiele gibt es zuhauf in Berlin, etwa die anstehende Ergänzung des Vierten Flügels des Pergamonmuseums nach Plänen des verstorbenen Oswald Mathias Ungers, geplant auch mit großem Respekt vor den Fassaden von Alfred Messel und Ludwig Hoffmann aus der Zeit um 1920; oder David Chipperfields Neubau für die James-Simon-Galerie auf dem letzten noch freien Grundstück auf der Museumsinsel, mit deutlichen Bezügen zu den Natursteinsäulen drumherum.
Wenn Weiterbauen gelingen kann, stellt sich natürlich die Frage, warum sich der Bundestag, immerhin die Vertretung der deutschen Bürger, beim Palast der Republik dagegen entschieden und eine einmalige Chance vertan hat. Übrigens: Wir stellen diese Frage auch an uns, als West-Berliner mit angeheirateter Ost-Familie und einschlägiger Erfahrung mit dem Ende der DDR bei den Montagsdemonstrationen in Halle.
Vielleicht haben die Deutschen (West) die Leistungen der einfachen Leute (Ost) bei der friedlichen Revolution nicht wirklich erkannt.
In Leipzig im Nikokaikirchhof gibt es immerhin einen Brunnen als Denkmal für die friedliche Revolution und die Revolutionäre (jaja, aktueller Zeitgeist: Revolutionär*innen): David Chipperfield stellte einen gewaltigen Trog aus Lausitzer Granit hin, bis an den Rand voll mit Wasser, um mit dem Überlaufen durch jeden neuen Tropfen den Freiheitsdrang der DDR-Bürger zu symbolisieren.
Wir sind indessen gespannt auf die Wippe als Einheitsdenkmal „Bürger in Bewegung“, die nun vor dem Humboldt Forum entstehen soll. Vielleicht wird sie zu einem Ort, der die unendliche Freude und Dankbarkeit, ja: das Gefühl von Glück vom 09. November 1989 und danach spielerisch in die Gegenwart holt.
Ergänzung: Aus Anlass der Baufertigstellung rückt die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss das Gebäude in den Fokus und lädt am 27. und 28. Juni 2025 zu einem Kolloquium und einem Thementag mit Vorträgen, Sonderführungen und Gesprächsrunden ein. Experten geben Einblicke in die komplexe Gebäudetechnik, Fragen der Nachhaltigkeit und zeigen Bereiche, die für das Publikum normalerweise nicht zugänglich sind. Auch die Bildhauerkunst, die Arbeit der Restaurierungswerkstätten, Kunst am Bau sowie die Gestaltung der Außenanlagen und des Stadtraums werden vorgestellt.
Leipzig: Brunnen im Nikolaikirchhof
