Lithophone sind Musikinstrumente, bei denen Steinplatten angeschlagen werden und Klänge erzeugen. Ähnliche Instrumente aus Holz sind die Xylophone. Der Verlag Archaeological Records mit Sitz in Rom hat eine Veröffentlichung herausgebracht, bei der zwei Künstler verschiedene Musikstücke mit einem Lithophon, weiteren Instrumenten und vorgetragenen Gedichten aufgenommen haben.
„Language for Stone“ heißt das Projekt. Die Künstler sind der Geiger Matt Howden (Künstlername „Sieben“), Sohn, und der Dichter Keith Howden, Vater in dem Duo. Verlagschef ist Giulio Di Mauro.
Man kann die insgesamt neun Werke auf der Webpage des Verlags online anhören oder als CD beziehungsweise in Vinyl-Sonderpressung als Limited Edition kaufen. Beim Selbstversuch taten wir uns schwer, die Lesung zu verstehen. Wünschenswert wäre auf jeden Fall, wenn die Gedichte auf der Webpage zu lesen wären.
Jedoch ist der Klang des Lithophons, wie er inszeniert wird, eine Erfahrung mit Tiefe: Das Hörerlebnis ist ungewohnt, hat etwas von dem Echo in einer Höhle, und verliert sich in den Aufnahmen nur langsam.
Die Steintöne zu der aktuellen Aufnahme wurden im Keswick Museum aufgezeichnet oder stammen von Brocken, die dort in der Umgebung liegen und die die Künstler kennen.
Die Aufnahmen sind Peter Crostwhaite gewidmet, einem Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts, zu dem wir an dieser Stelle ein paar Takte sagen müssen. Er war ein Exzentriker, reiste schon damals durch China und brachte von dort ungewöhnliche Berichte über klingende Steine mit.
Am 17. Juni 1785, so lesen wir im pdf „Soniccouture. Skiddaw Stones User Guide“, lief er am See am Fuß des Mount Skiddaw in Englands Lake District herum und stieß auf Steine, die beim Anschlagen ebenfalls exakte Töne erzeugten. Wohlgemerkt: exakte Töne mit präziser Tonhöhe, nicht diffuse Klänge.
Er hatte alsbald sechs Exemplare eingesammelt, von denen jedes in einer anderen Tonlage klang.
Mit weiteren Klangsteinen aber machte die Natur es ihm richtig schwer: „Die restlichen zehn Bestandteile des Sets zu finden dauerte sechs Monate, wobei Crosthwaite zwölf Stunden am Tag daran arbeitete, sie zu stimmen, und sorgfältig den Stein bearbeitete, bis der gewünschte Ton erklang“, heißt es in dem pdf weiter.
1785 baute Crostwhaite damit nach den „Qing“-Vorbildern in China sein erstes Lithophon.
Er fand in dem Instrument wohl ein Marketingmodell für sein Kuriositäten-Museum am Marktplatz von Keswick, wird in dem pdf weiter erzählt: Wenn sich eine Kutsche dem Haus näherte, gab er mit Ehefrau und Tochter die steinernen Töne und mehr Klänge zum Besten und lockte damit Besucher an. Die Eintrittsgebühr in seine Ausstellung betrug einen Schilling, heißt es.
Weiteres kann man im pdf nachlesen. Das Museum gibt es noch heute und hat immer noch eine Sammlung von Kuriositäten. Das Lithophon hat die Nummer 44 von insgesamt 100 Objekten, heißt es in einem Video:
Zahlreiche Begebenheiten zu den Steininstrumenten sind auch in der Online-Zeitschrift „Atlas Obscura“ zusammengetragen.
Der Verlag Archaeological Records geht auch ungewöhnliche Wege. Er will „einen Spielplatz zwischen Musik und Archäologie schaffen“, ist auf seiner Webpage zu lesen, und will dabei die Unvereinbarkeit zwischen den lange haltbaren archäologischen Funden und der im Moment der Aufführung schon verlorenen Musik kultivieren.
Lithophone sind dafür ein besonderes Thema, weil hier die Töne mit Millionen Jahre altem Material erzeugt werden.
Das Material für die Keswick-Lithophone ist sogenannter Hornfels. Er gehört zu den metamorphen Gesteinen (Umwandlungsgesteinen): Vor Millionen von Jahren war er ein Schiefer, der dann mit geologischen Prozessen unter die Erdkruste abtauchte und dort bei den hohen Temperaturen quasi neu geschaffen wurde. Hornfels kommt vielerorts vor, jedoch sind die Klangeigenschaften jener Sorte aus Englands Grafschaft Cumbria ganz besonders.
Download „Soniccouture. Skiddaw Stones User Guide“
Wikipedia hat eine Seite mit „Ringing Rocks“ in den USA
Lithophon-Klänge: Le Lithophone de P. Laye (Juni 2007) (französisch)
Fotoquelle: pdf „Soniccouture. Skiddaw Stones User Guide“




