Schaden im Gehweggranit. Foto: Hans Greiner

Granit ist ein sehr hartes Material und steht sprichwörtlich für Widerstandsfähigkeit. Insofern ist die Frage berechtigt, woher die vielen Beschädigungen kommen, die man in europäischen Städten in den großen Steinplatten auf den Bürgersteigen findet. In Berlin geht Hans Greiner dieser Frage seit einigen Jahren nach, und das mit wissenschaftlicher Akribie und Besessenheit für die Details.

Die allgemeine Antwort auf die Herkunft von bestimmten Löchern in den Platten ist klar: Sie stammen aus dem 2. Weltkrieg, zumindest die meisten von ihnen. Historisch gesehen, sind sie letzte Überbleibsel des großen Tötens: Nachdem die Schäden in den Hausfassaden nur noch an wenigen Stellen zu sehen sind, sind sie auf vielen Gehwegen unbemerkt und erhalten geblieben.

Den Details dazu geht Hans Greiner nach, studierter Elektrotechniker und zuletzt Chef einer Firma für Software-Qualitätssicherung. Er hat sich für seine Freizeitbeschäftigung einen hohen Anspruch an Wissenschaftlichkeit gestellt: Sein Tun sieht er als eine Art von Archäologie, bei der er aber die neuen Erkenntnisse nicht anhand von Funden aus dem Boden gewinnt, sondern in den Granitplatten auf den Berliner Bürgersteigen abliest.

Sechseck-Abdruck einer Stabbrandbombe im Granit. Foto: Hans Greiner

Ein Beispiel: Einige Jahre schon treibt ihn die Frage um, woher eigentlich die senkrechten Löcher in den Platten kommen – hatten die Soldaten vielleicht bei den Straßenkämpfen die dicken Steinbrocken senkrecht aufgestellt, um dahinter in Deckung zu gehen?

Und auch: Woher stammen die ziemlich exakten sechseckigen Ränder, die manche dieser Löcher am oberen Ende tragen?

Hans Greiners Antwort ist: Diese Löcher stammen von den Stabbrandbomben, die zum Ende des Krieges in großer Zahl über Städten in Nazideutschland abgeworfen wurden. Greiner hat in den Archiven geforscht und anhand der Warnung „Feind wirft Brandbomben“ von der Luftschutzbehörde 1943 Details ausfindig gemacht: Die Bomben sollen die Dächer der Häuser durchschlagen und auf den hölzernen Dachböden Feuer setzen. Vermutlich traf eine große Zahl von ihnen, senkrecht von oben kommend, die Gehwegplatten.

Diese Bomben waren sechseckig, 54,5 cm hoch und nur 1,7 kg schwer. Unten trugen sie einen massiven Stahlkopf in derselben Form, der das Ding beim Herunterfallen stabilisierte und beim Aufschlagen den Zündmechanismus auslöste.

Joseph Weizenbaum, der bekannte Informatikdissident vom Massachussetts Institue of Technology, hat vor langer Zeit bei einem Vortrag an der TU Berlin Berlin mal eine treffende Bemerkung zu so ausgefeilter Militärtechnik gemacht: Man könne nur noch den Kopf schütteln, wie viel Kreativität und Klugheit die Menschen ehemals und heute in militärisches Gerät investieren, um damit doch nur andere Menschen zu töten.

Villa Parey mit „Wunden der Erinnerung“ in der Sigismundstraße 4a am Kulturforum in Berlin-Tiergarten wurden die Einschusslöcher erhalten. Foto: Peter BeckerDas Foto von einem Berliner Friedhof zeigt die Wucht der Kriegswaffen. Foto: Peter Becker

Greiner unterhält eine Webpage auf Deutsch zu den Spuren in den Steinen. Dort sind auf einer Karte die Fundstellen in der Berliner Innenstadt markiert.

Seine Analysen gehen mitunter sehr ins Detail: So interessiert ihn zum Beispiel auch eine typische Frage der Archäologen, ob ein Fundstück sich tatsächlich noch an der ursprünglichen Stelle befindet.

Ein Indiz für Greiner sind dabei sogenannte Anschlussbeschädigungen: Wenn eine Platte zum Beispiel am Rand bestimmte Spuren zeigt, sollten diese eigentlich auf der folgenden Platte weitergehen.

Mit solchen Fragen stößt er manchmal in den Archiven auf interessante Dinge, etwa bezüglich der Alltagswelt nach dem Krieg: Es gab eine Zeit, in der man die Gehwegplatten von den Nebenstraßen in die Hauptstraßen versetzte – weil man nichts hatte als das, was noch da war und noch brauchbar war.

„Schweinebäuche“.

Dass Greiner seinen Betrachtungen nachgehen kann, hängt mit einer preußischen Besonderheit zusammen, nämlich den „Schweinebäuchen“. Das ist der landläufige Ausdruck für jene dicken, großen und schweren Granitplatten, von denen hier die ganze Zeit die Rede ist. Sie haben ihren Namen von ihrer Form und Verlegung: Sie waren nämlich nicht einfach auf Sand, sondern in Sand gebettet – das geht am einfachsten, wenn man ihnen auf der Unterseite eine Wölbung gibt, eben wie ein Schweinebauch.

Diese Art der Verlegung sorgt auch dafür, dass die Gehwegplatten nicht verrutschen und den Winter an Ort und Stelle überstehen. Bei Frost heben sie sich nämlich mitsamt ihrem Bett, und im Frühling setzt sich das Ganze wieder ab. Greiner zitiert dazu Dr. Gerda Schirrmeister, Geologin und Stadtführerin in Berlin sowie Spezialistin für alle Fragen um Naturstein in deutschen Städten.

Noch mehr Stone Stories?

Zur Pflasterung mit den Schweinebäuchen soll es in Berlin gekommen sein, als der preußische König in der Weinhandlung von Lutter & Wegner zu Gast war, die den Vorhof vor ihrem Geschäft mit Naturstein belegt hatte. Das gefiel ihm und er erließ die Order, dass andere Geschäfte es den Weinleuten nachtun sollten.

Man kann sicher sein, dass es Geschrei wegen der Kosten gab, wie es auch heute noch wäre. Pfiffig ist die Lösung, die der König fand: Er befahl, dass das Geld aus der Hundesteuer für diese Art der Verschönerung seiner Städte zu verwenden sei.

Hans Greiner (deutsch)

Dr. Gerda Schirrmeister
(Mail)