Frankreich war einige Jahrzehnte lang einziger Schauplatz für Massivbauen mit Naturstein in größerem Stil. Nun wird diese uralte auch woanders in Europa wieder populär: Es geht darum, Stein als tragendes Material zu verwenden statt nur wie bisher als vorgehängte Dekoration für Fassaden oder Bekleidung für Fußböden und Wände. Frankreichs Natursteinpreis hat vor allem Projekte im Blick, die ungewöhnliche Perspektiven für solcherart Massivbauen aufzeigen: Bei der 8. Ausgabe des Preises im Jahr 2025 standen Gebäude mit alltäglicher Nutzung im Zentrum. Der Preis trägt den programmatischen Titel „Construire en Pierre Naturelle au XXIe Siècle“ (Bauen mit Naturstein im 21. Jahrhundert) und wird alle 2 Jahre auf der Messe Rocalia in Lyon vergeben.
Im Mittelpunkt des Massivbauens mit Naturstein steht der Kampf gegen den Klimawandel mithilfe der Architektur. Zentraler Aspekt sind Materialien mit geringem ökologischem Fußabdruck. Langlebigkeit der Bauwerke ist ein weiterer Aspekt. Indem die Materialien zudem noch bevorzugt aus der jeweiligen Region stammen, schaffen solche Gebäude auch Identität und Heimat – traditionell pflegt Frankreich sein Kulturerbe sehr.
Der Hauptpreis ging an den Ort der Erinnerung an die Attentate vom November 2015.
Es gab 32 Einreichungen, ein neuer Höchststand. Weitere Besonderheit: Eines der Gewinnerprojekte kam nicht aus Frankreich, sondern aus England.

Großer Preis der Jury: Gedächtnisgarten für die Opfer die Attentate vom 13. November 2015 auf sechs Orte in Paris, bei denen 130 Menschen getötet und 683 verletzt wurden, darunter Besucher eines Fußballspiels im Stade de France, eines Rockkonzerts im Theater Bataclan sowie Gäste von Cafés und Restaurants. Die Architekten schreiben: „Bei der Gestaltung des Gedächtnisgartens ließen sich die Mitglieder unseres Teams von ihren eigenen Erfahrungen am 13. November inspirieren: Einer, der sich im Ausland befand, verbrachte den Abend damit, seine Freunde im Osten von Paris anzurufen, um sich zu vergewissern, dass sie am Leben waren; ein anderer verfolgte am Telefon, wie seine Kinder zu Fuß vom Stade de France zurückkehrten, während der Akku seines Handys langsam schwächer wurde; ein weiterer verlor einen Freund und Kollegen auf einer der Restaurantterrassen; ein anderer, der sich gegenüber dem Carillon befand, flüchtete sich in einen Hinterraum, floh in der Nacht weiter und verirrte sich in seiner Angst in seinem eigenen Viertel. Diese Erfahrungen der Vertreibung, aber auch der erzwungenen Unbeweglichkeit waren die Inspirationsquelle für die Gestaltung des Gedenkgartens.“
Auftraggeber: Stadtverwaltung Paris
Architekten: Wagon Landscaping und soja architecture
Steinarbeiten: Socal, Bretagne Granits
Stein: Granit de Lanhélin
https://parisjetaime.com/eng/culture/jardin-du-13-novembre-p4677


Sonderpreis der Jury: „Evas Garten“ (Jardin d’Eve). Gilles Perraudin ist der Architekt in Frankreich, der über Jahrzehnte die Ideen zum Massivbauen seines Vorläufers Fernand Pouillon weiterdachte. Mit diesem Neubau, erstellt zusammen mit seinem Sohn, hat er einige seiner Gedanken quasi in Stein gesetzt. So gibt es für sämtliche Bausteine nur eine Form, nämlich die des Trapezes, das jedoch nach allen Richtungen gedreht und verschoben wird. Die Bausteine sind nicht vermauert, sondern nur aufeinander gesetzt und werden von ihrem Gewicht an Ort und Stelle gehalten. Ausdrücklich soll das Gebäude leicht zu demontieren sein, was ein perfektes Materialrecycling möglich macht. In der Fassade und im Inneren wollten die Architekten das Bild eines Steinbruchs einfangen. Der Showroom empfängt die Besucher und führt ihnen die Steine des Südens in einer besonderen Inszenierung vor.
Auftraggeber: Carrières de Provence
Architekten: Atelier Architecture Perraudin: Gilles et Jean-Mauel Perraudin
Steinarbeiten: Carrières de Provence, Sarl Tonino
Stein: Pierre de Fontvieille
https://www.stone-ideas.com/108010/wie-spielerisch-massivbauen-mit-stein-sein-kann/

Kategorie Nutzgebäude: „Freizeitbahnhof Calvisson“ (La Gare aux Loisiers de Calvisson). In Calvisson im Département Gard sollte der ehemalige Bahnhof um einen Kindergarten erweitert werden. Für die Architekten hieß das auch, das Gebäude selbst den Kindern zu erklären. Das hieß: die Materialien und ihre Herkunft berührbar und mit der Bauweise zu Steinen aus einem Baukasten auch die Konstruktion nachvollziehbar zu machen. Der Erweiterungsbau griff zwar das Material des alten Bahnhofs auf, setzt sich mit modernen Formen und der Gestaltung seiner Öffnungen in deutlichen Kontrast dazu. Markant ist das „Totem“ als Verbindung zwischen altem und neuem Gebäude. Zum Einsatz kamen Natursteine aus der Region Vers-Pont-du-Gard, Douglasien- und Kiefernholz aus heimischen Wäldern wurde ebenfalls verwendet. Fenster und Türen bestehen aus Holz und Aluminium. Der jetzige Freizeitbahnhof liegt an der alten Eisenbahnstrecke, die zu einem Radweg umgebaut wurde.
Auftraggeber: Communauté de communes du pays de sommières Architekten: Tessier Portal Architetes: Natalie Portal Tessier & Richard Tessier
Steinarbeiten: Chazelle, Les Arts de Pierre
Stein: Pierre de Vers-Pont-du-Gard

Kategorie Nutzgebäude: „Erweiterung der Groupe Scolaire Igor Mitory“. Eine Schule kann mehr sein als nur ein Lernort für bestimmte Altersklassen zu bestimmten Zeiten – sie kann auch außerschulisch und sogar öffentlich genutzt werden: Zum Beispiel hat die Schule nun einen Dachgarten, der sowohl als Erweiterung für den Schulhof als auch als Aussichtspunkt für die ganze Gemeinde dient. Die gemischte Struktur aus Massivstein mit Betonverankerungen und -decken entspricht den seismischen Anforderungen des Standorts. Natürliche Belüftung und nächtliche Kühlung sind wichtige Aspekte. Das Ensemble liegt in der Gemeinde Cornillon-Confoux Region Provence-Alpes-Côte d’Azur an einem steilen Hang.
Auftraggeber: Mairie de Cornillon-Confoux
Architekten: Averous & Simay Architecture: David Averous
Steinarbeiten: Carrières de Provence, Poggia Provence
Stein: Pierre de Vers-Pont-du-Gard
https://www.facebook.com/averousetsimay/

Kategorie Gewerbebauten: „Sanint-Raphael’s Health & Wellbeing Centre“. Mayfield ist eine katholische Mädchenschule aus dem 19. Jahrhundert in England. Das Architekturbüro wurde beauftragt, einen Masterplan für sie im 21. Jahrhundert zu erstellen, und das St. Raphael Health and Wellness Centre ist der erste Teil davon, der fertiggestellt wurde. Es ersetzt die bestehende Krankenstation der Schule, ist auf das körperliche und das geistige Wohlbefinden ausgerichtet und „bietet den Schülerinnen eine einladende, ruhige und diskrete Umgebung, die sie in ihrem Schulalltag begleitet“, wie es in den Unterlagen heißt. Das Gebäude wurde als gesundes Gebäude konzipiert und aus natürlichen Materialien wie Brettsperrholz, Stein-Bricks und Kalkmörtel errichtet. Die Stein-Bricks der Firma Polycor sind aus einem Kalkstein gefertigt, der zum historischen Teile der Anlage passt.
Auftraggeber: Mayfiled School, East Sussex, UK
Architekten: Adam Richards Architects
Steinarbeiten: Polycor
Stein: Pierre de Massangis
https://www.adamrichards.co.uk/projects/health-centre-mayfield-school

Kategorie: Wohngebäude: „Sontini, immeuble de logements et de bureaux“. Das Gebäude liegt im 16. Arrondissement von Paris, in einem homogenen Stadtgefüge im Stil der Hausmannschen Gebäude. Die Fassaden sind geschwungen und abgerundet, um sich den für ein Eckgrundstück charakteristischen städtischen Perspektiven anzupassen. „Das Projekt zeichnet sich durch eine ambitionierte Konstruktion aus, die Massivstein, Holzrahmenbauweise, Metallkonstruktion und Beton miteinander verbindet und dabei auf Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit setzt“, schreiben die Architekten. Die Fassade zur Straße besteht aus großformatigen Kalksteinblöcken (Höhe: 43 cm bis 60 cm, Breite: bis zu 1,20 m; Tiefe: 30 cm bis 40 cm). Sie trägt die Holz- und Betonböden. Zum Innenhof hin handelt es sich um eine Holzrahmenfassade mit Wärmedämmung.
Auftraggeber: Simvest
Architekten: Adrien Piebourg / Agence Soap
Steinarbeiten: Polycor France
Stein: Pierre d’Euville, Pierre de Saint-Maximin
