Es geht um Können und Wissen und auch darum, dass handwerkliche und geistige Schätze nicht verloren gehen dürfen. Bei dem von der EU im Programm Erasmus+ geförderten Projekt „Mass Piedra“ erstellten französische Steinmetz-Lehrlinge in Spanien außergewöhnliche Arbeiten nach jahrhundertealten Konstruktionsprinzipien. In Zeiten von Stahlbeton und modernen Bauweisen war dieses Know-how verloren gegangen oder zumindest in den Hintergrund gedrängt worden.
Das Zauberwort ist Stereotomie: Gemeint ist damit, dass kleine Steinblöcke so zugeschnitten werden, dass man sie passgenau zusammensetzen und daraus zum Beispiel ein selbsttragendes Gewölbe errichten kann. Damit wurden seit der Antike spektakuläre Bauten errichtet – die Kathedralen in Europa zeigen Beispiele, wie die Bauleute oft bis an die Grenze des Machbaren gingen.
Dass für das Projekt junge französische Steinmetze im Alter von 16 bis 20 Jahren nach Spanien reisten, um dort die alten Techniken auszuprobieren, erklärt Paul Vergonjeanne, Organisator und Initiator des Projektes: „In Sachen Stereotomie haben wir in Frankreich nicht (mehr) das höchste Niveau.“
Damit meint er sowohl das handwerkliche Können in diesem Bereich als auch das akademische Wissen.
Im Rahmen von vier Durchgängen des Projekts blieben die jungen Franzosen für jeweils drei Wochen in Spanien. Das Programm war anspruchsvoll:
* In der ersten Woche bekamen sie in Madrid an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura (ETSAM) eine theoretische Einführung in das Thema;
* in der 2. und 3. Woche setzten sie das Gelernte in einer konkreten Aufgabe um.
Gearbeitet wurde auf dem Werksgelände der Firma Rosal Stones, die die Steine und mehr beisteuerte. Zum Programm gehörten auch Besuche im Steinbruch der Firma. Die Kosten für die französischen Teilnehmer betrugen 400 € pro Person.
Das Konzept für die Wissensvermittlung hatte Enrique Rabasa von der ETSAM entwickelt.
Zu den einzelnen Arbeitsschritten gehörten die Planung einer Konstruktion, der Aufbau des notwendigen Gerüsts, das Erstellen der Profile für die Steinelemente, das Anfertigen der Elemente und schließlich der Aufbau der Konstruktion.
Die Vorbilder dafür finden sich unter anderem in der Kathedrale von Murcia. Teilweise haben sie Generationen von Experten fasziniert und zu Analysen und Interpretationen angeregt.
Ziel im Projekt war auch, den Steinmetzberuf aufzuwerten und für junge Leute attraktiver zu machen.
Projektorganisator Vergonjeanne ist ein Beispiel für einen Steinmetz mit Qualifikationen über das Übliche hinaus: Als Franzose hat er in Madrid eine Ausbildung als Steinmetz absolviert und anschließend in Paris ein Studium an der Ecole d’architecture Paris-Malaquais – PSL mit einem Doktorgrad abgeschlossen. Inzwischen ist er als Ausbilder für Steinmetze aktiv, dies im Auftrag der Compagnons du Devoir.
Die Compagnons du Devoirs sind ein Verband der Steinmetze in Frankreich, der das berufliche Niveau und auch die Tradition im Steinmetzhandwerk pflegt. Er schickt seine Mitglieder gerne auf die „Tour de France“, eine Art Wanderschaft von Betrieb zu Betrieb.
Ein Beispiel für ein Projekt mit Unterstützung der Compagnons ist die Radtour von Orianne Pieragnolo und Louis Dutrieux, die das Steinmetzpaar von Frankreich bis nach Asien zu den Berufskollegen bringt.
Compagnons du Devoir (französisch)







