In dem Buch „Divine Presence“ (Göttliche Gegenwart): Depictions of Marble in Late Gothic and Early Renaissance Painting“ geht es um Marmor und andere bunte Natursteine und darum, wie die Maler des Mittelalters sie abbildeten, um das Göttliche und die Wunder des christlichen Glaubens darzustellen. Autor ist Karl Kolbitz, der in einem anderen Werk schon die Verwendung von Steinen in den Eintrittsbereichen der Mailänder Stadtpaläste beschrieben hat, der Verlag ist Hatje Cantz. Das Buch ist als Sammlerobjekt konzipiert und auf 999 Exemplare limitiert: gedruckt in Italien, veredelt mit feinem Buchleinen, Goldkopfschnitt und hochwertigem Papier.
Um das Denken der Künstler vor der Renaissance und der Aufklärung zu verstehen, muss man auf eine Zeitreise gehen.
Grundsatz der alten Weltsicht war, dass alles von Gott und seinem Lebensatem durchdrungen ist und dass alle Materie sich auf einem Weg von einem geringen Wert zu einem edleren Stoff befindet, am Ende also zu Gold wird. Die Alchemisten standen an der Spitze dieses Denkens, genauso wie die Astrologen bei ihrer Suche nach den Ursachen für das Geschehen auf der Erde.
Seit der Antike kam den Natursteinen eine besondere Beachtung zu. Das Wort „Marmor“ stammt vom griechischen „marmairein”, das „glänzen“ bedeutet.
Mannigfaltige Wirkungen wurden farbigen Sorten zugeschrieben, etwa dem Lapis Lazuli, der aus dem fernen Asien nach Europa kam: Mancher kluge Mann postulierte, dass der blaue Stein übermäßiges Schwitzen heilen, bei der Flucht aus dem Gefängnis helfen oder Sünder mit Gott versöhnen könne.
In dem Buch wird anhand von vielen Beispielen aus dem 14. und 15. Jahrhundert untersucht, wie die Künstler die Steine auf den Bildern zeigten und was sie damit darstellen wollten. Dabei wurden die Farben und Strukturen der Sorten frei erfunden – die Möglichkeit, das Göttliche abzubilden, riss die Künstler gewissermaßen einfach mit.
Außerdem: Viele der Sorten, die wir heute kennen, waren damals noch unbekannt, weil nicht abbaubar.
Übrigens: Im Mittelalter und davor wusste man noch nichts von der Geologie und der Chemie, und so gingen die Menschen fest davon aus, dass an einer Stelle mit einem goldenen Glanz wirklich Gold zu finden sei. Also gruben sie in die Tiefe, und wenn sie kein Gold fanden, schrieben sie das den Zwergen zu: Das sollten Wesen sein, die als Bergleute im Boden lebten – wenn sie verärgert wurden, schafften sie alles Gold in einer einzigen Nacht weg.
Also führte man Rituale ein, um die Zwerge vor dem Anfahren einer Grube günstig zu stimmen. Das Christentum griff diese uralte Tradition auf.
„Divine Presence: Depictions of Marble in Late Gothic and Early Renaissance Painting“, Karl Kolbitz, Hatje Cantz, 68 €
ISBN 978-3-7757-6209-0






