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Architekturbiennale in Venedig: „The Vatican Chapels“ (Die Kapellen des Vatikans)

Eduardo Souto de Moura: Vatican Chapels.

Man kann die Anlage des portugiesischen Architekten Eduardo Souto de Moura als kritische Inszenierung des Heiligen Stuhls in Stein interpretieren

Von der Marmomac und Verona aus ist Venedig schnell zu erreichen, zum Beispiel mit dem Zug in einer guten Stunde. Für Naturstein-Interessierte war die Lagunenstadt in diesem Jahr noch interessanter als sonst, denn dort fand die 16. Biennale d’Architettura statt und zum ersten Mal beteiligte sich der Vatikan.

Das mag überraschen angesichts dessen, womit sich der Heilige Stuhl eigentlich beschäftigt.

Jedoch: über viele Jahrhunderte war die katholische Kirche mit ihren Kirchenbauten der wichtigste Förderer der Architektur und Natursteinwirtschaft in Europa. An der Kunstbiennale hatte der Heilige Stuhl sich schon 2013 und 2015 beteiligt, wie wir in einer Pressemitteilung lesen.

„The Vatican Chapels“ (Die Kapellen des Vatikan) hieß nun die Präsentation in diesem Jahr, zu der bekannte Architekten eingeladen worden waren. Einer war der portugiesische Pritzker-Preisträger Eudardo Souto de Moura und seine Arbeit in Stein verdient eine ausführlichere Betrachtung.

Vorab ein Stimmungsbild: Die 10 Vatican Chapels liegen auf der Insel San Giorgio Maggiore, die man leicht mit dem Wasserbus oder den Vaporetti erreicht. Das Eiland liegt beinah in Rufweite vom Markusplatz mit seinen Touristenströmen, aber auf dem Inselchen jenseits eines schmalen Kanals ist man in einer anderen Welt.

Es ist nicht weit über das Eiland bis zur Südspitze, wo die 10 Kapellen im dichten im Wald liegen.

Kurator der Präsentation war Professor Francesco Dal Co. Er hatte Architekten eingeladen und sie aufgefordert, sich von der Woodland Chapel auf dem Friedhof gleichen Namens in Stockholm inspirieren zu lassen.

Gunnar Asplund: Woodland Chapel, Stockholm (1920). Source: Vatican

Deren Architektur von Gunnar Asplund aus dem Jahr 1920 zeichnet sich durch Unauffälligkeit aus – sie wirkt wie eine Hütte im Wald.

Besucher berichten davon, dass das Bauwerk gerade deshalb zum Innehalten inspiriere, vielleicht um sich bloß hinzusetzen, vielleicht gar zur Zwiesprache mit Gott.

Exakte Vorgaben für die Architekten hatte der Kurator nicht gemacht.

Diese Freiheit hat nun Eduardo Souto de Moura, wie es seine Art ist, radikal genutzt. Das zeigen Kommentare von Besuchern: seine Kapelle sehe aus wie ein Grab, meinten manche, wie ein Heiligtum aus vergangenen Zeiten, sagten andere, es habe ein minimalistisches Design, hieß es unbeholfen.

Der Architekt selbst hatte mit seiner Erläuterung eher Verwirrung gestiftet: „Es ist keine Kapelle, kein Heiligtum und auf keinen Fall ein Grabmal, es ist ein mit 4 Steinmauern umzäunter Ort, der einen Stein im Zentrum hat, vielleicht als Altar.“

Immerhin: die Kapelle war mit dem Goldenen Löwen dieser Biennale ausgezeichnet worden.

Eduardo Souto de Moura: Vatican Chapels. Source: VaticanEduardo Souto de Moura: Vatican Chapels.

Für unsere Betrachtung ist das Interessante, wie Souto de Moura die dicken Steinplatten für seine Mauern aufgestellt hat. Das erinnert nämlich an die Verzahnungen, die man zum Beispiel bei den Inkas in Machu Picchu findet: die Elemente sind miteinander verzahnt, so dass das zusammen mit dem Gewicht des Steins einen unlösbaren Verband ergibt.

Stadtmauer von Verona.

Auch in Verona am Bahnhof hat die Stadtmauer solches Mauerwerk, wenn auch vermörtelt.

Bei Souto de Moura sind diese Verzahnungen einfach, haben jedoch angesichts des Gewichts der großen Platten denselben stabilisierenden Effekt.

Wir interpretieren: Souto de Mouras Rückgriff auf die uralte Bauweise kann als sinnbildliche Darstellung des Vatikans verstanden werden: auch der steht unumstößlich fest in der Welt und bezieht seine Kraft aus uralten Zeiten.

Eduardo Souto de Moura: Vatican Chapels.

Die Außenseiten der Steinplatten sind rau and ramponiert, deutlich sind Arbeitspuren zu erkennen. Das mag man als Sinnbild für die Stürme verstehen, denen sich Heilige Stuhl schon gegenübersah.

Vatican Chapels

Innen sind die Wände geschliffen, vielleicht um darzustellen, wie komfortabel sich der Klerus in seiner Welt eingerichtet hat.

Steinerne Bänke wie in einem Kloster laden ein zum Sitzen. Mächtige Bäume scheinen die Anlage zu schützen.

Eduardo Souto de Moura: Vatican Chapels.Wie aber soll man nach unserer Sichtweise das steinzeitliche Dach über einem Teil der Anlage interpretieren?

Pressemitteilung des Vatikans

Eduardo Souto de Moura Architects

Biennale

Authorin: Suzanna Multhaupt

(05.10.2018)