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Fortbildung für Stadtführer: mit Storytelling die Freude an den Gesteinen wecken

Bad Urach, Marktplatz mit Rathaus.

In Bad Urach auf der Schwäbischen Alb bringt der UNESCO-Geopark sein Spezialwissen den Touristen anschaulich nahe

Update: NDR-Bericht über Steinmetzmeister Stefan Wolf von Natursteinwolf, der, unermüdlich wie immer, Gästeführern in Lübeck die Steine in der Stadt nahebringt.
 

In Bad Urach auf der Schwäbischen Alb haben die Stadtführer die heimische Geologie auf dem Themenplan. So verweisen sie am Beispiel der Amanduskirche und beim Dicken Turm, dass beide markante Gebäude aus dem heimischen Kalktuff errichtet sind.

Jedoch gehen sie nicht weiter ein auf die geologischen Details: dass nämlich der Kalktuff nicht, wie der Name nahelegt, vulkanischen Ursprungs ist (Tuff!), sondern sich wie der Travertin durch Ausfällung aus dem Wasser bildet.

Statt dessen binden sie das Wissen um das Material in größere Zusammenhänge ein: dass die beiden markanten Gebäude ganz aus dem heimischen Stein errichtet sind, hat nämlich damit zu tun, dass man bis zum Zeitalter der Eisenbahn andere Materialien nur entweder über die Flüsse (die es auf der Alb nicht gibt) oder mit Ochsenkarren (was sehr teuer war) hätte heranschaffen können.

Mit dieser Information wird eine Tür zu den weiteren Fragen aufgestoßen, zum Beispiel was die Stärken und Schwächen des Kalktuffs sind oder wieso es ihn gerade in dieser Gegend gibt.

Ähnlich die Informationen rund um den Friedhof im nahegelegenen Blaubeuren, wo ein paar Grabsteine aus Stubensandstein auffallen: Jenes Material nun stammt dann doch aus einem weiter entfernten Steinbruch – woran man ablesen kann, dass die Familien hinter diesen Gräbern reich waren und das auch zeigen wollten.

Mit solchen Informationen wird das pure Material sozusagen dramatisiert und bekommt eine Geschichte drumherum. „Storytelling“ ist der Fachbegriff dafür.

Bad Urach, Stiftskirche St. Amandus, Außenansicht, ein Seitenportal.

Wieder zurück in Bad Urach. Nach dem Hören solcher so genannter niederschwelliger Informationen geschieht etwas mit den Gästen der Stadtführungen, nämlich eine Erweiterung der Wahrnehmung: auf einmal sehen sie von selbst, dass die Steine am Brunnen in der Fußgängerzone nicht aus der Gegend stammen, und sie fragen nach, was das für Materialien sind und wieso die hier verwendet wurden.

Und mit diesem neuen Blickwinkel nehmen die Besucher auf einmal auch wahr, dass die meisten Geschäfte in der Fußgängerzone ja auch nicht aus der Gegend kommen, sondern zu Ketten gehören und Massenware verkaufen, die aus fernen Ländern kommt.

Bad Urach profitiert bei dieser Art der Besucherinformation von einem Pfund, das in der Nähe liegt: Es ist der Geopark Schwäbische Alb, und es ist Iris Bohnacker vom Geopark, die die Guides in Sachen Steine fortbildet. „Bad Urach kam auf uns zu mit der Idee, und inzwischen gibt es auch Interesse von anderen Städten im Geopark“, sagt die diplomierte Geologin, die das Konzept für die Weiterbildung der Guides entwickelt hat.

Ihr Ansatz basiert auf der Beobachtung, dass „die Leute generell ein großes Interesse an den Steinen haben“. Als Beweis dafür nennt sie die Tatsache, dass schon die Kinder und noch manche Erwachsene Kiesel am Strand oder Steinchen am Wegesrand aufsammeln und nach Hause schleppen.

Die reinen Informationen aus der Geologie jedoch, das gibt sie zu, seien hingegen arg spröde, gelegentlich wie im Fall des Kalktuffs sogar verwirrend.

Also behandelt Iris Bohnacker das Detailwissen zum Kalktuff mithilfe des Kreislaufs der Gesteine. „Der Kalktuff wächst sozusagen auch heutzutage noch nach und wir können ihm quasi dabei zugucken“, beschreibt sie das Phänomen, wie über die ganz großen Zeiträume die Berge abgetragen und neu gebildet werden. Die Gäste sind fasziniert.

Ein anderes Beispiel für das Storytelling ist der in der Gegend häufige Jura-Hornstein: den findet man in Form von verkieselten Knollen im Kalkstein, und wenn man diese aufschlägt, entstehen scharfe Kanten. Daraus machten die Menschen der Steinzeit Messer und Werkzeuge. Steinzeit!

Flugs ist Iris Bohnacker beim Feuerstein, Flint oder Silex, und das ist der Einstieg in die verschiedenen Erdzeitalter vor Millionen von Jahren.

Bad Urach, Amanduskirche: Figuren an der Kanzel (links) und an der Außenfassade (rechts).

Die Fortbildung der Gästeführer beginnt mit einem Vortrag von etwa 45 Minuten zum grundlegenden Wissen der Geologie. Dann geht es um die Materialien aus der Gegend, und zuletzt führt Iris Bohnacker die Gästeführer etwa 1,5 Stunden in der Stadt herum.

Ein besonderer Moment ist, wenn es um die Sandkörner im heimischen Sandstein geht: dann zieht Iris Bohnacker eine Lupe für jeden Teilnehmer aus der Tasche, und auch die ganz Unbedarften machen plötzlich Entdeckungen und stellen Überlegungen an, wie sich das Beobachtete anhand des zuvor Gelernten erklären lässt.

Es gehe ihr darum, „Freude an den Gesteinen zu wecken“, sagt sie zusammenfassend. Eine Lehrerattitüde hat sie wirklich nicht.

Und wie ist die Resonanz der Gäste? „Weit über die Hälfte der Teilnehmer bei den Führungen hat einen neuen Blick auf die Steine bekommen und trägt das zu Freunden oder zur Familie weiter“, sagt Iris Bohnacker, gibt aber auch zu: „Genauso gibt es Leute, die sich weder vorher noch nachher für Steine interessieren.“

Nicht zu vergessen: der Geopark seinerseits profitiert auch von dem Interesse an Gesteinen und an der Geologie, das bei den Stadtführungen geweckt wurde.

Bad Urach

Geopark Schwäbische Alb

Fotos: Andreas Praefcke / Wikimedia Commons

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(07.02.2019)