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Neues Arbeiten mit Naturstein: „Rekomposition“ und „Zwillingsformen“

„Litocorno“ von Raffaello Galiotto: 3 m hoch, geschnitten aus einem Block von nur 30 cm Höhe, zusammengesetzt aus 100 Einzelteilen aus diesem Block. Gezeigt im „Italian Stone Theatre“ auf der Marmomacc 2015. Foto: Luca Morandini / Marmomacc

Branchenvordenker Raffaello Galiotto meint, dass die Steinmetzwelt sich an Nachhaltigkeit, neue Maschinen und Beschleunigung anpassen muss

Bei den Steinmetzen vollzieht sich derzeit weltweit ein Epochenwandel. Der Kern ist, dass aktuelle Trends aus der modernen Welt auch in dieses Handwerk mit dem altehrwürdigen Material vordringen. Die wichtigsten sind: nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, neue Techniken und Beschleunigung.

Für die Arbeit mit dem Stein ergeben sich daraus neue Konzepte, zum Beispiel „Rekomposition“ und „Zwillings- oder abgeleitete Formen“, wie sie der italienische Industriedesigner und Branchen-Vordenker Raffaello Galiotto nennt. Er hat einige Aspekte in einem Beitrag für die italienische Zeitschrift „Area“ (Nr 154, September 2017) vorgestellt. Wir geben seine Betrachtungen gekürzt zusammen mit unseren eigenen Anmerkungen wieder:

1) Nachhaltigkeit. Sorgsam mit den Ressourcen und mit Energie umzugehen ist eine aktuelle Forderung aus der Gesellschaft, um die sich die Steinbranche bisher allenfalls am Rande gekümmert hat. Dabei stellt sie doch gerne heraus, dass Naturstein Millionen von Jahre alt ist, von der Natur geschaffen wurde und insofern besonderen Respekt verdient.

Sorgsamer Umgang mit den Ressourcen heißt aber auch: Abfallvermeidung.

Wir erläutern das am Beispiel der Steinbildhauer: Bisher haben die Künstler frei nach Michelangelo mit Hammer und Meißel aus einem Rohblock jene Formen herausgeholt, die darin verborgen waren.

Das Ergebnis war das Kunstwerk als solches und rundherum ein Haufen an Stein, der plötzlich zu Abfall geworden war.

Nach diesem Prinzip arbeiten auch die Steinmetze.

Galiotto fordert nun die Branche auf, statt solcher subtraktiver Methoden neue Arbeitsweisen zu entwickeln. Er fasst sie unter dem Begriff „Rekomposition“ zusammen: gemeint ist damit, dass man aus einem Rohblock Einzelteile derart herausschneidet, dass sie sich anschließend zu einer größeren Form komponieren lassen. Dies ohne dass viel Abfall zurückbleibt.

Das jüngste Beispiel dafür ist sein monumentaler Bogen Arcolitico (Link und Foto siehe unten). Er besteht aus lauter Einzelteilen, die sich aus einem Rohblock quasi ergeben und nachher nur noch aufeinander gestapelt werden.

„Litocorno“ von Raffaello Galiotto. Quelle: Buch „Marmo 4.0“.

Eine Spielart der Rekomposition sind „Zwillings- oder abgeleitete Formen“. Galiotto hat die Idee in vielen seiner Arbeiten der letzten Jahre mit Hilfe von CNC-Maschinen durchgespielt. Manche waren im „Italian Stone Theatre“ in Halle 1 der Marmomac zu sehen.

Eine Übersicht über die Arbeiten gibt sein Buch „Marmo 4.0“.

Übrigens sind diese Konzepte auch energiesparend, denn mit einem Schnitt bekommt man 2 Oberflächen.

2) Beschleunigung. Damit kommen wir zu einem weiteren jener Aspekte, die von außen in die Steinbranche vordrängen. Es sind Beschleunigung und Kostensenkung. Bisher waren die Steinmetze davon weitgehend verschont, denn das Material ließ sich nur mit viel Handarbeit, also langsam und mühevoll bearbeiten.

Nun aber sind neue Maschinen wie CNC oder Wasserstrahl vorhanden. Galiotto prognostiziert: „Steinmetzbetriebe verändern sich zu technologisch fortgeschrittenen Firmen, in denen die ehemalige körperliche Belastung, der Lärm und der Dreck reduziert sind und es eine größere Produktivität gibt.“

Mehr Produktivität, das ist bekannt, erreicht man durch Beschleunigung oder durch höhere Qualität im Produktionsprozess.

Spätestens an dieser Stelle wird manchem eine Frage auf der Zunge liegen: „Ist das noch Handwerk?“ Die Internationale Handwerkermesse im März 2019 in München hatte diese Frage in verschiedenen Foren gestellt.

3) Galiotto spricht noch einen weiteren Aspekt an, der aber etwas aus unserem Rahmen herausfällt: mit CNC-Maschinen kann man nur Oberflächen erzeugen, die einer manuellen Nachbearbeitung bedürfen. Er fordert deshalb die Steinmetze auf, Druck auf die Maschinenhersteller zu machen und hier Verbesserungen durchzusetzen.

Area Nr. 154 (italienisch/englisch)

„Marmo 4.0.“

„Arcolitico“ von Raffaello Galiotto für die Firma Margraf. Foto: Margraf

See also:

 

 

 

 

(29.05.2019)