Produktdesign, bei dem Naturstein verwendet wird (3): die Branche muss sich von der Arbeitsweise der Bildhauer lösen und zu einem Design MIT Stein kommen

Angelo Mangiarotti: „Eccentrico“. Foto: Agapecasa

Alltagsprodukte AUS Stein sind in vielen Fällen zu schwer und verkaufen sich deshalb bestenfalls als Einzelstücke

In den beiden vorangegangenen Teilen unserer Serie haben wir diskutiert, dass es im Produktdesign um funktionale Objekte für den Alltagsgebrauch geht und dass das Design dafür materialgerecht sein muss. Diesmal weisen wir darauf hin, dass die meisten Natursteindesigner leider viel zu sehr der Arbeitsweise der Bildhauer verhaftet bleiben.

Die beiden großen Optionen im Produktdesign mit Naturstein – Design AUS Stein und Design MIT Stein – begegnen uns seit den 1950ern, als Gestalter in der Region um Carrara nach neuen Verwendungsmöglichkeiten für Naturstein suchten. Der Unterschied zwischen beiden Richtungen liegt letztendlich darin, wie sehr sie der Arbeitsweise der Bildhauer verhaftet bleiben.

Ein prominentes Beispiel für Produktdesign AUS Stein ist Mangelo Mangiarotti (1921-2012), der eine Reihe von berühmt gewordenen Objekten schuf. Zum Beispiel der Tisch „Eccentrico“ aus dem Jahr 1971 (siehe Foto oben). Hier irritiert der Designer unsere Erwartungen: man sieht, dass der Fuß durch die Platte durchgesteckt ist, mag aber nicht glauben, dass das stabil sein kann. Auch scheint die elliptische Tischplatte viel zu weit in eine Richtung hinausgeschwenkt, als dass der Fuß ihr Gewicht ausgleichen könnte.

Der Trick liegt in einem Unterbau, den man nicht sieht und der auch die Funktion des Tisches nicht einschränkt. In vielen seiner Arbeiten behandelte Mangiarotti die Frage, wie sich Tischfuß und -platte verbinden ließen.

Das Gewicht des Fußes spielt dabei die entscheidende Rolle für die Stabilität des Ensembles.

Jedoch schafft es jenes Funktionalitätsproblem, um das es uns hier geht: bei der Variante mit 72 cm Höhe wiegt allein der Fuß 204 kg! Die Platte bringt noch einmal 113 kg auf die Waage.

Das macht das wunderschöne Stück obsolet als Alltagsprodukt, denn es lässt sich nicht auf jeden Boden in jedes Wohnzimmer stellen und es lässt sich auch kaum Verschieben. Wir werden in der nächsten Folge unserer Serie für solche Objekte die Bezeichnung „Funktionale Skulpturen“ einführen und diese als Sonderfall des Naturstein-Produktdesigns beschreiben.

Mangiarotti, der sich riesige Verdienste erwarb, weil er moderne Verwendungen für Naturstein und zeitgemäße Formen fand, blieb Zeit seines Lebens nah an der Bildhauerei und kehrte am Ende seiner Schaffenszeit sogar dorthin zurück.

Ein Beispiel für eine völlig unsinnige Verwendung von Naturstein sind die massiven Badewannen, die Steinfirmen auf ihren Messen gerne als Höhepunkt von Luxus präsentieren.

Denn für ein Wannenbad lassen sie sich praktisch nicht nutzen – auch ähnliche Exemplare aus vergangenen Zeiten waren immer nur als Stücke zur Dekoration oder Repräsentation gedacht.

Badewanne aus Jaspis, Römische Bäder im Park Sanssouci in Potsdam. Foto: Jnantke / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Ein berühmtes Beispiel ist jenes Schmuckstück aus Jaspis, das der russische Zar Nicolaus I. seinem preußischen Schwager Friedrich Wilhelm IV. zum Geschenk machte und das heute in den Römischen Bädern im Park Sanssouci in Potsdam präsentiert wird.

Porphyr-Wanne von Kaiser Nero. Foto: Dennis Jarvis / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Und auch die Porphyr-Wanne von Kaiser Nero aus dem Palast Domus Aurea war wohl immer nur Zeugnis für Macht und Reichtum.

Ein Rechenbeispiel zeigt, wo hier das Problem mit der Funktionalität liegt: in einem Badezimmer sind 27 Grad eine sehr angenehme Temperatur, um sich nackt auszuziehen; dann hat auch die Wanne aus Stein diese Temperatur. Das Wasser in der Wanne muss jedoch 37 Grad haben, weil das unsere Körpertemperatur ist (und sonst als kalt erlebt wird). Das heißt: es müssen zwischen 800 und 1200 kg Stein um 10 Grad aufgewärmt werden! Dafür zur Verfügung steht nur das heiße Wasser (weil die Designer der Wanne nie eine elektrische Heizung einbauen) – eine unglaubliche Verschwendung an Trinkwasser und an Strom.

„Marmomacc Meets Design“ 2011: Badewanne aus massivem Stein in einer Installation von Snohetta.

Wir behaupten: solche Präsentationen auf den Steinmessen halten Architekten und Innenarchitekten eher davon ab, Naturstein zu verwenden.

Mehr noch: solche Ideen sind so, als würden auf einer Automesse Autos gezeigt, die nicht fahrbar sind.

Beispiele für ein erfolgreiches Design MIT Stein hingegen werden in großer Zahl auf den Möbelmessen präsentiert.

Zahlreiche Natursteinfirmen sind inzwischen dorthin abgewandert, und auch die Architekten und Designer finden sich dort ein.

Produktdesign MIT Naturstein: Spiegel „Delta“, Firma <a href="https://www.blacktiehomedecor.it/"target="_blank">Black Tie</a>, Supersalone 2021.Produktdesign MIT Naturstein: <a href="http://www.bamax.it/"target="_blank">Bamax</a>, Salone del Mobile 2019.Produktdesign MIT Naturstein: freistehende Garderobe „Mancebo“ (Designerin Claudia Moreira Salles für die Firma Brasigran, Vitória Stone Fair).

Fazit: Design AUS Stein war seit den 1950ern geeignet, um dem Naturstein ein Image des Luxus‘ und der Modernität zu geben. Nun sind Konkurrenten mit neuen Produkten am Markt, nämlich Großkeramik und Engineered Stone, und sie stellen Benutzbarkeit in den Vordergrund. Die Steinbranche muss sich neu erfinden.

Bevor wir uns in in den Folgen 5 und 6 unserer Serie den Themen „Wie mit Produktdesign einen Mehrwert erzielen“ und „Die Geschichte des Naturstein-Produktdesign“ widmen, wollen wir in der der Folge 4 die „Funktionalen Skulpturen“ als Sonderfall behandeln.

See also:

(27.10.2021)