Dr. Carlo Montani: die Steinbranche überstand Corona nahezu unbeschadet, und im weltweiten Wanderzirkus der Steine tut sich seit einigen Jahren etwas

Dr. Carlo Montani (links), neben ihm Daniele Canali, Verlagschef von Alus Casa di Edizioni.

Der Altmeister der Statistik präsentierte auf der Marmomac seine Einschätzungen zu den Entwicklungen im Jahr 2020

Mit großer Spannung hatten wir Dr. Carlo Montanis jährliche Statistik-Analyse des Welt-Natursteinmarktes erwartet, und der große Alte Herr der Zahlen sorgte bei der Präsentation auf der Marmomac erwartungsgemäß wieder für Überraschungen: Seine Bilanz zum Corona-Jahr 2020 war unerwartet positiv, aber gleichzeitig wies er darauf hin, dass sich in der Branche seit einigen Jahren etwas verändert. Das Jahrbuch trägt den Titel „XXXII Rapporto marmo e pietre bel mondo 2021 / XXXII marble and stone in the world 2021“ und erscheint bereits zum 32. Mal.

Das Positive zuerst. Obwohl die Pandemie einzelne Branchen wie den Tourismus, die Restaurants oder Theater und Kinos an den Rand des Zusammenbruchs brachte, kamen die Natursteingewinnung und die -verarbeitung nahezu ungeschoren davon. Hintergrund ist, dass weltweit das Baugeschehen beinahe ohne Einschränkungen weiterging und dass die Verbraucher in vielen Ländern angesichts des Lockdowns ihre Wohnungen mit Stein verschönerten. Eher der Transport bereitete der Steinbranche sorgen.

Die Zahlen: 2020 wurden in den Steinbrüchen 318 Millionen t abgebaut (2019: 316 Millionen t). Das war ein Anstieg um +0,3% – immerhin kein Absturz, wie, wir erinnern, anfangs befürchtet worden war.

Dabei handelt es sich bei den 318 Millionen t um die Bruttozahl – in Produkte mündeten am Ende nur 91,5 Millionen t. Montani beklagt seit Jahren den hohen Anteil an Abfall, besser: Reststoffen, die auf eine Verwertung warten. Wir wollen später darauf eingehen.

Was die Gewinnung angeht, unterstreicht ein Blick auf längere Zeitreihen die positive Entwicklung der Branche: seit 1989 haben sich Gewinnung und Verbrauch „nahezu vervierfacht“, heißt es in dem Buch.

Die Veränderungen, von denen wir oben sprachen, fanden im weltweiten Handel statt: der erlebte nämlich im Jahr 2020 einen Rückgang um (-)8%, aufgeteilt auf (-)6% bei den Rohblöcken und (-)10% bei den Fertigprodukten.

Hier auf die aktuellen Containerprobleme zu verweisen, wäre zu kurz gegriffen. Denn: einen Rückgang gab es laut Montani in den letzten 3 Jahren, und zwar um (-)12% (wobei das Jahr 2020 am stärksten dazu beitrug). Im Zeitraum seit 1989 hingegen hatte es noch eine Verfünffachung gegeben.

Wenn man die stabile Erzeugung in den Brüchen nun zu diesen Rückgängen im weltweiten Handel hinzu nimmt, liegt eine Vermutung auf der Hand: es könnte sich ein Ende des weltweiten Wanderzirkus‘ ankündigen, der die Steinbranche seit etlichen Jahrzehnten prägt.

Das sagt Montani nicht – wir wollen ein wenig darüber spekulieren:

Was wir mit Wanderzirkus meinen, ist nicht, dass exotische Sorten, die es nur in einem Land gibt, in ein anderes transportiert und dort verkauft werden.

Wir meinen damit die Tatsache, dass Blöcke zur Verarbeitung rund um den Globus gefahren werden und nachher verarbeitet zum Verbraucher oder sogar ins Herkunftsland zurückkommen.

Die italienischen Verarbeiter vor allem rund um Carrara erfanden dieses Geschäftsmodell, und um das Jahr 2000 herum übernahmen die Chinesen für ihre Industriezentren im Süden des Landes das Konzept. Es basiert auf 3 Faktoren: niedrigen Transportkosten, einer starken Ausstattung der Firmen mit Maschinen, Verarbeitungszentren nahe am Meer. Im Fall Chinas kam noch der niedrige Arbeitslohn hinzu.

Oder ist der aktuelle Negativtrend vielleicht schon eine vorweg genommene Anpassung der Steinbranche an den Kampf gegen den Klimawandel?

Das sicher nicht, wie man Montanis Zahlen entnehmen kann: als wichtigsten Grund für den Rückgang des Handels in den letzten 3 Jahren nennt er Chinas stärkere Hinwendung auf den heimischen Markt.

Also doch keine gravierenden Veränderungen? Und werden nun, wo Chinas Steinfirmen neue Wege gehen, einfach andere Lieferanten deren Rolle übernehmen, etwa Firmen aus Vietnam, Ägypten, dem Iran oder aus der Türkei?

Man muss vorsichtig bei Prognosen sein, darf aber einen ganz neuen Faktor in die Betrachtungen einbeziehen: durch Corona gab es überall eine gestiegene Nachfrage der Privatleute nach Stein aus heimischer Produktion – dies einfach aus dem Grund, dass wegen des Mangels an Containern fremde Materialien bei den Händlern rar und teuer geworden waren.

Nun kommt der Kampf gegen den Klimawandel hinzu, zum Beispiel der „Green Deal“ der EU, der heimische Materialien fördert, um CO2-Emissionen aus Transporten zu sparen – Corona hat vielleicht sozusagen die Vorarbeit dazu geleistet, dass die Verbraucher in Zukunft die heimischen Sorten kennen und schätzen.

Sicher ist: das wird den Wanderzirkus nicht komplett austrocknen, sondern nur bei gewöhnlichen Sorten („Commodities“) den widersinnigen Dreiklang aus Verschiffung-Verarbeitung-Rücktransport reduzieren.

Nicht betroffen davon werden die Exoten sein (Quarzite, Onyxe, farbige Marmore und Granite, Kalksteine mit Fossilien) – und man kann sogar vermuten, dass die Nachfrage nach ihnen eher steigen wird.

Noch ein paar Details aus der Fundgrube an Beobachtungen, die Montani zusammengestellt hat:
* nicht nur die Großen Fünf in der Produktion (China, Indien, Türkei, Brasilien, Iran) prägen die Steinbranche. Regional gibt es Hidden Champions: Montani nennt Palästina, für dessen Bruttosozialprodukt die Gewinnung der lokalen Kalksteine und deren Export nach Israel, Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate eine wichtige Rolle spielt;
* der Import der USA an Naturstein ist seit dem Allzeit-Hoch 2015 mit 3,409 Milliarden US-$ kontinuierlich auf 2, 748 Milliarden US-$ im Jahr 2020 gefallen;
* beim Pro-Kopf-Verbrauch lautet die neue Rangfolge Schweiz, Saudi-Arabien, Südkorea, Belgien, Portugal;
* für den Natursteinverbrauch weltweit erwartet Montani bis 2025 einen kräftigen Anstieg von derzeit 91.350 Millionen t auf 108,920 Millionen t.

Eine offene Flanke der Natursteinbranche

Apropos Verwertung der in den Steinbrüchen gewonnenen Mengen an Material, sprich: das oben genannte Abfallproblem der Branche.

Dass von den 318 Millionen t, die aus den Brüchen entnommen werden, nur 155 Millionen t als Rohblöcke in die weitere Verarbeitung gehen, ist nicht den Firmen vorzuwerfen. Es hängt vor allem damit zusammen, dass der Fels von Natur aus Risse und Klüfte hat, die ihn für eine weitere Verwendung untauglich machen. Später im Zersägen der Blöcke geht dann noch viel in Form von Steinmehl verloren, so dass man am Ende bei nur 92 Millionen t ankommt.

Jedoch zeigt sich immer stärker, dass diese Besonderheit des Materials zu einem Problem für die Branche wird. Die Konkurrenten, die in Sachen Sustainability keine wirklichen Argumente gegen Naturstein haben, nutzen den Abfall im Bruch zur Kritik an der Branche. Wir hatten bereits auf einen entsprechenden Bericht im Magazin Architectural Digest hingewiesen, der genau in diese offene Flanke der Natursteinbranche hineinstieß.

Die Lösung heißt Design, also die Verwendung der Reststücke für kleine Alltagsgegenstände. Einige Verbände haben mit ihren Wettbewerben hier schon Vorarbeit geleistet.

Dieser neue Markt wäre gleich doppelt für die Branche gewinnbringend: es existiert eine riesige Nachfrage nach Schönen Kleinigkeiten, mit den die Verbraucher ihren Alltag aufwerten können.

Und solche Objekte in den Haushalten würden 24/7 eine kostenlose Werbung für Naturstein machen.

Montani analysiert auch den Export von Maschinen und Werkzeugen, den wir in einem separaten Bericht behandeln werden.

Das Buch „XXXII Rapporto marmo e pietre nel mundo 2021 / XXXII Report marble and stones in the world 2021“ ist zweisprachig (Italienisch und Englisch), hat gut 290 Seiten und ist bei Aldus Casa di Edizioni, Carrara erschienen. Es kann für 30 € als pdf von der Webpage des Verlages heruntergeladen werden.
Hinweis: aktuell steht auf der Webpage nur die Version des Vorjahres zum Download.

See also:

(22.11.2021)