Mit der Verwertung ihres Steinmehls kann die Natursteinbranche sich zusätzliche Pluspunkte in ihren Ökobilanzen und EPDs erarbeiten

Am Ausgang des Sägewerks ist alles Volumen, das ehemals zwischen den Platten Stein war, zu Steinmehl geworden.

Im Rahmen der Präsentation „Marmomac Meets Academies“ auf der Verona-Messe hatte Professor Giuseppe Fallacara vom Politecnico in Bari das Thema aufgebracht

In einem separaten Artikel aus unserer Serie „Stein-Einblick“ geben wir einen Überblick über die Daten in einer EPD und wie sie sortiert werden: https://www.stone-ideas.com/103842/okobilanz-mit-vier-kategorien/.
 

Giuseppe Fallacara, Professor am Politecnico in Bari im Süden Italiens, beschäftigt sich normalerweise mit modernen Konzepten, wie man Naturstein in der Architektur einsetzen kann. Auf der Marmomac 2023 zeigte er in der Präsentation „Marmomac Meets Academies“ in Halle 10 jedoch Beispiele, was man per 3D-Druck aus Steinmehl machen kann. Es fällt in großen Mengen an, wenn zum Beispiel die Rohblöcke zu Platten zerschnitten werden.

Fallacara ist immer freundlich und gut gelaunt und kann gut erklären, und so haben wir ihn gefragt, wieso er der Verwertung des Steinmehls so große Bedeutung beimisst.

Und mit seiner Antwort hat er uns gewissermaßen wachgerüttelt: wenn das Steinmehl nicht als Abfall zurückbleibt, sondern in neue Produkte geht, kann der Naturstein seine ohnehin sehr guten Ökobilanzen noch weiter verbessern.

Gehen wir ins Detail: es geht um die Environmental Product Declarations (EPD).

Diese Datensammlungen zu den Umweltaspekten eines Gebäudes sind zwar noch nicht Pflicht, werden es aber in absehbarer Zeit werden. Vorreiter in den USA ist der Bundesstaat Kalifornien, in dem seit August 2023 CO2-Grenzwerte für bestimmte Bauten gelten.

Fortschriftliche Architekturbüros verlangen schon nach EPDs für die Baustoffe, die sie verwenden. Dahinter steht der Wunsch ihrer Auftraggeber und Investoren, Gebäude mit Zertifizierungen (zum Beispiel LEED, BREEAM) zu bekommen, da diese sich besser vermieten beziehungsweise verkaufen lassen.

In unserem Expertengespräch mit Sarah Gregg vom Natural Stone Institute (NSI) hatte sie diese Entwicklung vorhergesagt und die Branche auf die Bedeutung hingewiesen: „Wenn jetzt EPDs erstellt werden, kann sich Naturstein als CO2-arme Lösung durchsetzen.“

„Cradle-to-Crave“

Mit „Cradle-to-Crave“ wird die Betrachtungsweise der aktuellen EPDs beschrieben, übersetzt: Von der Wiege zur Bahre. Gemeint ist damit, dass wirklich alle Umweltaspekte eines Gebäudes in eine EPD aufgenommen werden, also von der Erzeugung der Baustoffe über den Betrieb des Gebäudes bis zu dessen Abriss und der Verwertung der Baustoffe.

Zuvor lautete die Betrachtungsweise nur „Cradle-to-Gate“, also: von der Erzeugung bis zur Baustelle.

„Cradle-to-Crave“ bedeutet für die Steinbranche, wie wir von Professor Fallacara gelernt haben: in einer Ökobilanz wird nun auch betrachtet, was unter anderem mit dem Steinmehl aus dem Zersägen der Rohblöcke geschieht.

Und dabei ist besonders wichtig: sofern es ins Recycling geht, kann das positiv in die Bilanz eingerechnet werden.

Exakte Zahlen, wieviel Steinmehl weltweit bei der Weiterverarbeitung der Rohblöcke anfällt, liegen nicht vor.

Man kann die Dimensionen aber anschaulich machen: am Ausgang des Sägewerks ist alles Volumen, das ehemals zwischen den Platten Stein war, zu Steinmehl geworden.

Ahnen kann man das Volumen auch anhand der Zahlen aus Dr. Carlo Montanis Statistik-Jahrbuch „Rapporto marmo e pietre nel mundo / Report marble and stones in the world“. Wir nehmen als Beispiel die Ausgabe für 2021: damals wurden in den Steinbrüchen weltweit 318 Millionen t Stein abgebaut, aus denen nach vielen Schritten am Ende 91,5 Millionen t zu Produkten geworden waren.

Teile dieser riesigen Differenz waren Blöcke oder Platten, die wegen Rissen nicht verwendbar waren, oder Verschnitt, und eben auch Steinmehl.

Interessant dabei ist, dass Montani in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Branche gebetsmühlenartig ermahnt hat, sich um eine Verwertung dieses Abfalls zu kümmern.

Und tatsächlich gab es viele Experimente in Firmen oder Forschungen an Hochschulen zu dem Thema. Viele brachten machbare Verwendungen, scheiterten jedoch meist an den Kosten: Steinmehl als Zuschlagsstoff zum Beispiel für Keramiken rechnete sich meist nicht, weil Ton billiger war.

Nun heißt die Leitlinie Kreislaufwirtschaft und an der Stelle der natürlichen Ressourcen soll möglichst das Weiterverwenden von Abfall stehen.

Aus der bisherigen Last für die Steinbranche kann damit gar eine Freude oder Lust werden: doppelt gut aufgestellt sind schon jetzt diejenigen Natursteinfirmen, die eigene Kunststeine auf dem Markt etabliert haben. Denn diese Firmen können die Kreislaufwirtschaft innerhalb ihres Unternehmens praktizieren.

Zum Beispiel: Das Unternehmen Hofmann Naturstein aus Werbach-Gamburg hat in Kooperation mit dem Ziegelhersteller Gima einen Natursteinklinker entwickelt, der zu 40 % aus Gesteinsmehl besteht und über das altbekannte Brennen die Eigenschaften dieser besonderen Backsteine bekommt.

Auch in diese Richtung hatte Montani schon gedacht: bei der Vorstellung seines Statistik-Jahrbuchs für 2019 hatte er angeregt, anstelle des Konkurrenzkampfes gegen Kunststeine über Synergien mit dem Material aus Menschenhand nachzudenken.

Hofmann Naturstein-Klinker

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(11.12.2023)