Vor wenigen Jahrzehnten galten die Begriffe „Artenvielfalt“ und „Rohstoffgewinnung“ noch als Gegensätze, die unvereinbar sind: Man verstand Steinbrüche oder Schottergruben als Orte der Landschaftszerstörung und als tote Zonen. Inzwischen haben vielerorts die Betreiber zusammen mit Wissenschaftlern und Umweltaktivisten genauer hingeschaut und erkannt, dass das Gegenteil der Fall ist: Solche Orte bieten vor allem sogenannten Pionierarten Lebensräume, die sie anderswo in unserer intensiv genutzten Landschaft nicht finden.
Folglich stand das Symposium 2024 der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft Forum Rohstoffe unter dem Titel „Artenvielfalt und mineralische Rohstoffe: Eine gemeinsame Zukunft“. Die Betonung lag auf dem Wort „gemeinsam“ und das Thema ist so wichtig, dass zwei Minister der Bundesregierung Präsenz zeigten: Umweltministerin Leonore Gewessler betonte in ihrer Keynote die Tragweite des Themas, und Finanzminister Magnus Brunner schickte eine Videobotschaft, in der er die mineralischen Rohstoffe wie Sand, Kies, Schotter und Natursteine als Rückgrat des Wohlstands in Österreich bezeichnete.
In zahlreichen Vorträgen machten die Experten deutlich, dass man heutzutage selbst aktive Steinbrüche als Lebensräume und Brutstätten sieht. Spektakuläres Beispiel ist der Uhu oder sind Amphibien wie die Wechselkröte, die Gelbbauchunke, der Laubfrosch oder der Bergmolch, Vögel wie der Bienenfresser oder Fledermäuse.
Forschungsprojekte in verschiedenen europäischen Ländern haben gezeigt, wie gut die Tierarten mit dem Lärm und der Unruhe des Abbaus klarkommen: Wir hatten von einem Schotterbruch in Deutschland berichtet, wo der Uhu das Signal vor einer Sprengung versteht und für eine kurze Weile spurlos verschwindet. In einem Bericht von einem Steinbruch aus Irland erzählten wir die Geschichte, wie Flussschwalben in Sandaufschüttungen ihre Bruthöhlen bauen und ein Wanderfalkenpaar Wochenendeindringlinge in das Gelände offenbar zu vertreiben sucht.
Gering sind die Anpassungen, die die Betriebe zu erbringen haben: Eigentlich müssen sie nur jene zuvor ungenutzten Orte respektieren, die die Tiere bezogen haben. Unterstützung fürs Brüten etwa durch das Aufschütten von Sandhaufen oder das Sichern von Felslöchern wird von den Zuzüglern gerne angenommen.
Wichtig ist eigentlich nur, die Brutzeit der Tiere zu respektieren.
Den Rest macht die Natur selbst. Mit dem Wind bietet sie Mitfahrgelegenheiten von Pflanzensamen, und Eier von Wassertieren reisen im Federkleid der Vögel. Das System der Natur ist verschwenderisch, funktioniert aber, wenn die Bedingungen passen.
So wurde auf dem Symposium der Arbeitsgemeinschaft das Forschungsprojekt „Rohstoffgewinnungsbetriebe als Trittsteinbiotope“ vorgestellt. Gemeint ist damit, dass ein aktiver Steinbruch zwar nie ein Mini-Naturschutzgebiet sein, aber sehr wohl als Verbindung zwischen großen Schutzzonen dienen kann. Über Korridore zwischen den Schutzgebieten und den Abbauzonen kann ein ständiger Nachzug der Arten erfolgen.
In diesem Sinne forderte der Vorstandsvorsitzende des Forums Rohstoffe, Johann Eder, „kürzere Genehmigungsverfahren mit mehr Weitblick“ für neue Abbauzonen. Auch forderte er von den Transportbehörden mehr Berücksichtigung von Umweltbelangen: wenn bei schweren Transportern das Ladegewicht nur um 10 % erhöht würde, könnten in Österreich „900.000 LKW-Fahrten, 11.400 Tonnen CO2-Emissionen und fast 4 Millionen Liter Diesel eingespart werden.“
Rohstoffgewinnungsbetriebe als Trittsteinbiotope




