Natur im Steinbruch: eine aktive Abbauzone kann ein Garten Eden sein speziell für die Pioniere unter den Tier- und Pflanzenarten

Screenshot aus dem Video.

In dem Projekt „Life in Quarries“ in Belgien wurden Maßnahmen erarbeitet, wie sich mit geringem Aufwand die Ansiedlung von selten gewordenen Arten erleichtern lässt

Immer wieder heißt es, Steinbrüche würden die Natur zerstören. Das Gegenteil ist richtig – in einer lockeren Folge berichten wir von Fällen, wo (seltene) Tiere oder Pflanzen Lebensräume in einem AKTIVEN Steinbruch gefunden haben.

Wenn die Rede von Natur im AKTIVEN Steinbruch ist, darf man nicht blühende Grünflächen mit zahllosen Tierarten erwarten. Denn im Abbaugebiet gräbt sich der Mensch in den Fels und es wird viel Geröll und Staub freigesetzt. Jedoch sind genau das die Bedingungen, in denen bestimmte Tiere und Pflanzen ihre Lebensräume finden – es sind die so genannten Pionierarten. Sie sind an extreme Nahrungsknappheit und auch an zeitweise Trockenheit angepasst.

Normalerweise finden sie sich dort ein, wo es in einer Landschaft eine Katastrophe gegeben hat: ein Bergsturz ist niedergegangen, eine Quelle ist versiegt, ein Buschfeuer als alles verbrannt.

Solche Zonen aber gibt es in unserer ausgeräumten Landschaft mit der heutigen Landwirtschaft nicht mehr.

Das Projekt „Life in Quarries“ (Leben in Steinbrüchen) hat in Belgien nun untersucht, mit welchen Maßnahmen die Ansiedlung von Pionierarten in aktiven Steinbrüchen sowohl für Schotter als auch für Naturwerkstein gefördert werden kann. Beteiligt waren der Verband FEDIEX (Fédération de l’Industrie Extractive et Transformatrice de Belgique), die Region Wallonien, die Universität Liège-Gembloux, die Naturschutzorganisation Natagora und der Nationalpark Plaines de l’Escout.

Insgesamt machten 14 Firmen mit 24 Steinbrüchen mit.

In 2 Etappen wurden von 2015 bis 2020 Maßnahmen formuliert und ausprobiert. Zum Schluss wurden die Erkenntnisse auch auf Standorte außerhalb des Projekts übertragen. Das Projekt hatte ein Budget von 5 Millionen €. Davon kamen 56% von der EU-Kommission, 21% von der Branche, 20% von der Region und 3% von den anderen Beteiligten.

Die Ergebnisse liegen inzwischen vor – und sie sind wenig spektakulär. Zentrale Aspekte sind:
* kleine Rücksichtnahmen statt großer Aktionen;
* Bewusstseinsbildung bei den Beschäftigten, da sie die Akteure im Steinbruch sind.
* Synchronisation zwischen Abbau und Natur, im Projekt als „dynamisches Biodiversitäts-Management“ bezeichnet: wird in einer Zone in einem Steinbruch kein Abbau mehr betrieben, setzt man im Winter dorthin Substanz aus einer anderen inaktiven Zone um.

Screenshot aus dem Video.

Im Großen und Ganzen wird dasselbe Konzept verfolgt, nach dem die Natur selbst organisiert ist: Tiere und Pflanzen sind eng aufeinander abgestimmt, und greifen wie ein Räderwerk ineinander. Zwar fressen sie sich gegenseitig, jedoch zerstört kein Lebewesen den Lebensraum des anderen.

Leben und leben lassen, heißt das Motto.

Ein paar praktische Handlungsfelder:
* Geröll ist ein wichtiger Lebensraum etwa für die Mauereidechse. Mit wenigen Handgriffen können die Mitarbeiter im Steinbruch die herumliegenden Brocken zu Geröllhalden zusammenschieben. Diese sind der Lebensraum für die ungiftige Schlingnatter, die ihrerseits die Eidechsen jagt. Ziel ist immer Vielfalt, wie überall im Konzept: neben Geröllhaufen sollten auch langgezogene Schüttungen gestaltet werden.
* Vielfalt gilt auch für die Wasserstellen. Die Möglichkeiten reichen hier von Fahrspuren der schweren Radlader, die mit Wasser vollgelaufen sind und verschiedenen Kröten zum Laichen dienen, bis hin zu zeitweiligen oder dauerhaften Tümpeln. Mehr noch: hat sich ein größerer See gebildet, sollte man das Ufer abschrägen, so dass sich Schilf ansiedeln kann. Und: schwimmende Inseln erscheinen auf den ersten Blick als ungewöhnliche Idee, folgen aber nur dem Basisplan der Natur, dass jedes offene Fleckchen ein Lebensraum für irgendeine Art ist.
* In den meisten Fällen beschränkt sich das Management darauf, dass eine Zone als Lebensraum definiert und dann nur noch in Ruhe gelassen wird. Solch ein Bereich kann leicht mit ein paar Steinbrocken vom normalen Betrieb abgegrenzt werden.
* Ideal für Uferschwalben sind zusammengeschobene Wände aus Gesteinsmehl, in die sie ihre Bruthöhlen graben können.
* Wertvolle Lebensräume bieten auch Haufen von totem Holz.

Emotionale Schwärmerei ist nicht die Leitlinie all dieser Maßnahmen, vielmehr gilt nüchterne Abbaulogik: eine Kröte, die sich außerhalb der Schutzzone bewegt, läuft Gefahr, dass der Radlader sie plattmacht.

Screenshot aus dem Video.

Die in dem Projekt erarbeiteten Vorschläge, wurden nicht nur theoretisch formuliert, sondern gleich auch umgesetzt. So gab es von Anfang an konkrete Zielsetzungen, etwa: eine bestimmte Meterzahl an Geröllhalden zu schaffen. Zuletzt wurde überprüft, ob und wie die Ziele erreicht wurden, wie auf der Webpage nachzulesen ist.

Francis Tourneur, Generalsekretär des Verbands Pierres et Marbres de Wallonie, nennt die Gründe, weshalb Mitgliedsfirmen an dem Projekt mitmachten: „Unsere Steinbrüche haben sich schon immer für die Ressource Wasser und für den Erhalt der Artenvielfalt interessiert. Die Teilnahme an diesem Projekt war eine gute Möglichkeit, allen zu zeigen, dass sich Steinbrüche perfekt in ein Ökosystem integrieren lassen.“

Grundlage des Projekts war eine neue Sicht von Natur und Landschaft, wie sie sich in den letzten 30 Jahren durchgesetzt hat: auch Umweltschützer streben nicht mehr eine diffuse Natürlichkeit an, sondern eine „Partnerschaft zwischen Mensch und Natur“, wie es in einem Video zum Projekt heißt.

Denn was heute sich zum Beispiel in Mitteleuropa als Natur zeigt, ist wesentlich durch den Menschen geprägt: ohne seine wirtschaftlichen Aktivitäten wäre die Landschaft von Polen bis zum Atlantik mit dichten Wäldern bestanden. Erst der Mensch hat die weiten und offenen Räume kreiert, in denen sich die entsprechenden Tier- und Pflanzenarten ansiedeln konnten.

Abschließende Frage: warum wird in dem Maßnahmenkonzept nicht die Frage behandelt, wie denn die Pionierarten in den Steinbruch kommen sollen?

Antwort: weil die Natur das selber macht: Insekten können fliegen, Kröteneier reisen im Federkleid der Wasservögel, Pflanzensamen lassen sich vom Wind verteilen. Permanent machen sich viele Nachkommen einer Art auf die Suche nach neuen Lebensräumen. Nur wenige schaffen es, sich woanders zu etablieren.

Life in Quarries

Video

Tierwelt im Steinbruch Blauberg, Deutschland

See also:

(09.04.2021)