Das erste Vierteljahrhundert des neuen Jahrtausends haben wir schon hinter uns gebracht. Die Gelegenheit ist günstig, zum Jahresbeginn mal eine weiter gesteckte Prognose für die Zukunft der Natursteinbranche zu versuchen, sagen wir: für die nächsten zehn Jahre.
Zentrale Themen für die Branche werden das umweltfreundliche Bauen und die Nachhaltigkeit sein.
Sie ist hier schon gut aufgestellt, Stichwort EPDs (Environmental Product Declarations): überall werden sie erstellt.
Jedoch drängt sich ein neuer Aspekt in den Vordergrund – die Kreislaufwirtschaft. In den einzelnen EU-Ländern werden aktuell Richtlinien dafür erstellt. Wir haben unten den Stand der Dinge für die Bauwirtschaft in Deutschland zusammengefasst.
Vom Material her ist die Steinbranche auch hier gut aufgestellt. Schließlich ist Stein enorm lange haltbar, kann praktisch unbegrenzt wiederverwendet werden und kehrt zuletzt wieder in die Kreisläufe der Natur zurück.
Seit uralten Zeiten sind für bestimmte Steinprodukte schon Wiederverwendungen üblich:
* Am spektakulärsten sind die uralten Pflastersteine;
* Gebäude oder Mauern der Altvorderen dienten den Nachgeborenen immer zur Materialgewinnung.
Bei der aktuellen Kreislaufwirtschaft aber geht es um mehr, nämlich um das Wiederverwenden von fertigen Produkten.
Beispiele sind Verkleidungsplatten an Fassaden oder Fliesen für Wand und Boden.
Damit es für sie wirklich eine Kreislaufwirtschaft gibt, sind zwei Aspekte zu bedenken: Verschnitt muss bei der Weiterverwertung vermieden werden, und es werden Datenbanken gebraucht über das, was wann und wo vorliegt.
Bisher werden lediglich Einzelfälle praktiziert. Wir hatten im Verlauf dieses Jahres einen Umbau in London beschrieben, wo die Bausubstanz erhalten blieb und der Stein an der alten Fassade zu neuer Verwendung kam (siehe Verlinkungen unten).
An alten Bauelementen, also Türen, Fenstern oder Ähnlichem, wird schon gezeigt, dass es prinzipiell möglich ist.
Die eigentliche Herausforderung für die Steinbranche liegt aber darin, dass für ihre Fliesen neue Arten der Verlegung gebraucht werden, die nach der Erstnutzung eine zerstörungsfreie Demontage möglich machen.
Ausgerechnet in der Keramikbranche wurde so etwas schon entwickelt: Wir hatten die Dry Tile-Verlegung ohne Mörtel oder Kleber beschrieben (siehe unten).
Aber: Würde das Wiederverwenden von Naturstein nicht die Nachfrage nach „neuem“ Material aus dem Steinbruch verringern?
Das ist eher nicht zu erwarten. Weil:
* Erstens dürfte im Rahmen des nachhaltigen Bauens die Nachfrage nach Stein steigen;
* Zweitens wird zum Beispiel in der Stahlbranche mit mehr als 90% Recycling auch weiterhin Eisenerz als Rohstoff benötigt, und zwar für besonders hochwertigen Stahl, etwa für die Automobilindustrie;
* Drittens: Steinbrüche kämpfen heutzutage eher um die Verlängerung ihrer Lizenzen oder um neue Lizenzen, sodass das Wiederverwenden ein innovatives Geschäftsmodell für sie sein kann.
Allerdings birgt die Kreislaufwirtschaft auch große Gefahr für die Steinbranche. Das lehrt der Blick auf die Engineered Stones.
Wir erinnern uns: Die Idee kam aus der Restaurierung historischer Gebäude: Da es in alten Steinbrüchen oft nur noch Bruchstücke des Originalmaterials gibt, machten Experten sich daran, diese Abfallbrocken zu mahlen und daraus Kunststeine herzustellen. Breton, Hersteller von Natursteinmaschinen, entwickelte die Technologie für die Kunststeine.
Alsbald entdeckten große Investoren das Marktpotenzial der neuen Engineered Stones und propagierten diese als besonders einfach in der Verwendung etwa für Küchenarbeitsplatten.
Erst nach einer Weile fingen die Steinleute an, selber Kunststeine zu produzieren und wenigstens einen Teil des Geschäfts in die eigenen Hände zu nehmen.
Falls im Fall der Kreislaufwirtschaft die Entwicklung besser läuft, wird die Steinbranche in einem Jahrzehnt anders aussehen: Es wird neben den Firmen mit klassischem Profil (Steinbruch, Fabrik, Installation) auch solche für die Wiederverwendung (Sammeln, Aufarbeiten, Lagern) geben.
Dezember 2024: Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) für Deutschland
In Deutschland hat die scheidende Bundesregierung am 04. Dezember 2024 die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) verabschiedet. Wohlgemerkt: es handelt sich nicht um ein Gesetz, sondern um eine Sammlung von Richtlinien.
Zentrale Punkte darin sind Standards und Qualitätssicherung, um das Vertrauen in die Recyclingmaterialien zu stärken. Auch digitale Technologie für die Erfassung und Investarisierung der anfallenden Materialien werden angesprochen. Transparenz wird als wichtiger Faktor für den Erfolg der Strategie genennt.
Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes hat dazu Stellung bezogen und seine Einschätzung im Magazin „Direkt“ (6/2024) zusammengestellt. Gelobt wird an dem Konzept, dass Rücksicht genommen wird auf die Hinweise der Verbände, dass Sekundärmaterialien regional in unterschiedlichen Mengen anfallen können. Um zu mehr hochwertigen Sekundärrohstoffen zu kommen, sollte der Rückbau stärker in der Strategie verankert werden.
Was den Neubau betrifft, fordern die Verbände, dass auch hier Nachhaltigkeit das Leitthema sein muss und dass folglich nachhaltige Materialien auch hier im Mittelpunkt stehen müssen.
Generell wünschen sich die Bauverbände „flexible Lösungen, die die Nutzung lokal verfügbarer Sekundärmaterialien priorieren.“ Die Kreislaufwirtschaft können nur funktionieren, wenn es „rechtliche Klarheit (gebe), insbesondere bei Haftungs- und Gewährleistungsfragen“.
Zentralverband des Deutschen Baugewerbes



