Manche Religionen haben einen Stein in ihrem Mittelpunkt. Bekannt ist der Schwarze Stein in Mekka, der in einer Ecke der Kaaba steckt. Das würfelförmige Gebäude ist das zentrale Gotteshaus des Islam. Die Juden haben die Klagemauer in Jerusalem.
Ein anderes Beispiel ist die Religion der Guin im Süden Togos. Dort spielt ein Stein eine zentrale Rolle bei den Feierlichkeiten zum neuen Jahr. Die Unesco hat die Zeremonien Ende 2025 in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Die Religion der Guin ist, wie bei vielen Völkern in Afrika, von einer engen Verflechtung von Diesseits und Jenseits sowie der Vorfahren mit ihren Nachkommen geprägt. In Ritualen werden die Götter und Vorfahren befragt, und sie schicken Botschaften, zum Beispiel was vom kommenden Jahr zu erwarten ist.
Bei den Guin ist Ekpésosso oder Epe-Ekpe das zentrale Ereignis. Es findet Ende August/Anfang September statt. Festgelegt wird es nach dem Mondkalender.
Dann kommen viele Gläubige in der Ortschaft Glidji in der Präfektur Lacs im togolesischen Verwaltungsbezirk Maritime zusammen.
Zum Beispiel findet Yêkê-Yêkê statt, ein großes gemeinsames Essen, oder Kpanchonchon, eine Parade mit Masken und Tänzen. „Eine Gruppe eingeweihter Frauen, die als Guin-Yehuesi bekannt sind, übernimmt rituelle Aufgaben und leitet die Zeremonien, während die Männer für die physische und spirituelle Sicherheit der heiligen Stätten sorgen“, heißt es auf der Webpage der Unesco.
Und weiter: „Die Initiation findet über einen Zeitraum von drei Monaten im Verborgenen der Heiligtümer statt. Handwerker fertigen farbenfrohe Halsketten und andere zeremonielle Gegenstände. Diese Riten erfüllen zahlreiche soziale Funktionen, darunter Heilung, Erholung und die Förderung des Gemeinwohls. Sie werden von den Anhängern des Glaubens als wesentlicher Bestandteil ihrer kulturellen Identität hoch geschätzt.“
Zum Höhepunkt von Ekpésosso geht der Hohepriester in den heiligen Wald. Bei seiner Rückkehr bringt er einen Stein mit.
In dessen Färbung steckt eine Botschaft der Verstorbenen zum kommenden Jahr:
* Weiß verspricht ein gutes Jahr, das von Glück, kosmischer Harmonie und allgemeinem Überfluss geprägt ist;
* mit Cremefarben ist Wohlstand zwar weiterhin möglich, jedoch hat die Gemeinschaft durch Streitigkeiten den Zorn der Ahnen auf sich gezogen. Die Farbe mahnt zu sofortiger Solidarität, gegenseitiger Vergebung und sozialer Versöhnung;
* Blau kündigt ein Jahr mit reichlichen Niederschlägen an und verspricht erfolgreiche Ernten und Ernährungssicherheit;
* Rot wird verstanden als Warnung vor Spannungen, inneren Konflikten oder Krieg. Priesterinnen und Priester müssen unverzüglich Befriedungsrituale durchführen, um die Bedrohung abzuwenden;
* Schwarz weist auf schwere Herausforderungen hin, beispielsweise Hungersnöte, Krankheiten, Epidemien oder verheerende Stürme und Überschwemmungen.
Für das letzte Jahr (2025/2026) war die Steinfarbe weiß.
Video (französisch)
Fotos: Wisdom Mensah / Unesco



