In der Natursteinbranche gibt es verschiedene Fraktionen. Wir nennen zwei: Da sind die, die das Material als Luxus verkaufen, und neuerdings die, die daraus ein profanes Material fürs Bauen machen, Stichwort: Massivbau. Der Grund für Letzteres ist der minimale ökologische Fußabdruck von Stein.
Aus England kommt nun ein Projekt, das die Idee des sozusagen „alltäglichen Steins“ noch weitertreibt: Am Platz Maida Hill Market im Stadtteil North Paddington gibt es nun eine öffentliche Toilette mit Naturstein!
Natürlich wurde in Maida Hill der Stein nicht so verwendet, wie zum Beispiel in einem exklusiven Badezimmer. Denn zum einen dekoriert er hier nicht Wände und Fußboden, sondern trägt das Gehäuse der Anlage. Die Steine sind für die Außenwände zusammengesetzt; innen befinden sich drei Toiletten, davon eine behindertengerecht, plus zwei Serviceräume.
Zum anderen handelt es sich um recycelten Stein, der beim Abriss von vorherigen Gebäuden in der City gesichert worden war. Detail am Rande: Ehemals taten die Steine ihren Dienst an Fassaden im Finanzdistrikt…
Als „deep reuse“ (tiefe Wiederverwendung) bezeichnen die Architekten vom Studio Weave ihre Herangehensweise: Die Größe der Steinplatten (knapp 180 cm hoch, 8 cm dick) ergab sich aus der vorherigen Verwendung; alle Oberflächenbearbeitungen wurden beibehalten, wie sie ehedem waren; die Konstruktion ist so ausgeführt, dass die Steinplatten wiederum einzeln herausgelöst werden können, wenn man das einmal will oder muss. Umgekehrt können auch die Toiletten separat herausgenommen werden, wenn sich zum Beispiel deren Technik einmal ändert.
Hinter dieser Verwendung von Recyclingmaterial steckt die Idee der „Stadt als Steinbruch“ in Reinform: Abrissmaterial wird nicht entsorgt und auf die Deponie geschafft, woanders wiederverwendet.
In Kontakt gebracht wurden Stein und Architekten durch die Stonemasonry Company, die über das Material verfügte. Die Statik des Neubaus berechnete das Ingenieurbüro Webb Yates, bekannt für sein Faible für ungewöhnliche Lösungen.
Zuletzt bekam die bunte Steinbox ein bisschen Auflockerung drumherum: Zwei Findlinge wurden an den Seiten angebaut – sie können auch als Sitzgelegenheiten dienen. In einem Gärtchen auf der einen Seite wurde die Strand-Grasnelke gepflanzt, die bekannt ist für ihre Anspruchslosigkeit und den geringen Wasserbedarf. Der Platz rundherum wurde neu bepflanzt und mit Stadtmöbeln versehen.
Im Großen gesehen, könnte die Toilette auch in anderer Hinsicht ein Neuanfang sein. Denn nach Angaben der British Toilet Association (BTA) sind im vergangenen Jahrzehnt beinahe 40 % der öffentlichen Toiletten verloren gegangen. Die Architekten jedenfalls würden ihre Idee gern auch anderswo realisieren.
Fotos: Lorenzo Zandri




