Mit großem Respekt ging die Londoner Stadtverwaltung mit jenen rund 400 Granitblöcken um, die bei Baumaßnahmen an der Ufermauer der Themse anfielen. Die Steine nämlich sind nicht nur Millionen von Jahren alt, sondern wüssten wohl auch viel von der Geschichte der britischen Hauptstadt zu erzählen, wenn sie denn reden könnten.
Unsere Story beginnt im Jahr 1858 mit dem „Great Stink“ (Großer Gestank), der damals die Stadt mit übelsten Gerüchen überzog. Der Grund war, dass London zur Großstadt geworden war, aber seine Abwässer nach wie vor ungeklärt in den Fluss ableitete oder auf den Höfen versickern ließ. Das war auch ein Herd von Krankheiten, auch aus anderen Städten bekannt.
In einem Kraftakt unter der Leitung von Sir Joseph Bazalgette löste die Stadtverwaltung das Problem durch ein weltweit beachtetes Kanalsystem. Dessen zentrale Leitungen wurden am Ufer der Themse verlegt und hinter einer kraftvollen Ufermauer versteckt. Dafür wurden Granitblöcke von überall auf der Insel herbeigeholt, vor allem aus Cornwall und Schottland.
Wohlgemerkt: Man verwendete Granit, nicht Kalkstein, der eigentlich das Baumaterial für die Stadt war.
1870 gab es die feierliche Eröffnung der Anlage und heute steht sie unter Denkmalschutz.
Aber rund um das Jahr 2000 wurde ein neues Problem offenkundig, genauer gesagt: wieder das alte Problem. Die Stadt zählt nämlich inzwischen über acht Millionen Einwohner. Das, zusammen mit der zunehmenden Versiegelung, führt dazu, dass zum Beispiel schon bei geringen Regenfällen ungeklärtes Wasser in großen Mengen in den Fluss gelangt.
Die neue Lösung ist wieder ein Abwasserkanal, diesmal in bis zu 70 m Tiefe unter der Themse und mit dem Namen Thames Tideway Tunnel oder landläufig „Super Sewer“. Um das neue System mit dem alten zu verbinden, musste im Victoria Embankment die Ufermauer verändert werden. Dabei fielen jene Granitblöcke an, von denen hier die Rede ist.
Zunächst wurden 53 von ihnen als zeitweilige Sitzgelegenheiten an einigen Stellen in der City verteilt. Als sich dann zeigte, wie sehr die Bürger und die Touristen Gefallen daran hatten, machte die Stadt ein spektakuläres Projekt daraus: Unter dem Titel „From the Thames to Eternity“ (Von der Themse zur Ewigkeit) stellte sie 21 Blöcke dauerhaft vor der St. Paul’s Cathedral auf.
Diesmal aber wurden die Steine teilweise bearbeitet: Aus einigen wurden Rundungen für Sitze herausgeschnitten, andere bekamen Armlehnen.
Immer aber war Recycling die Leitlinie, selbst bei den Details:
* Die Armlehnen wurden aus Holz von Windbruch in einem Park hergestellt;
* die Bronzeschrauben und Aufsetzer für die Bänke stammen aus alten Ladenschildern;
* selbst die Bruchstücke und das Sägemehl aus der Umarbeitung der Originalblöcke wurden verwendet, zum einen für die Füße der neuen Sitzbänke und zum anderen als Sockel für die Informationstafel, hergestellt in 3D-Druck.
Drei verschieden hohe Sitzbänke gibt es; die Spuren der Werkzeuge sind erhalten geblieben. Die Oberflächen sind, je nach Nutzung, unterschiedlich. Man kann dort allein, zu zweit oder in Gruppen sitzen.
Es gibt schon Planungen, die anderen Blöcke in anderen Stadtteilen aufzustellen.
Das Design für die Bänke stammt von CSK Architects und The Bartlett UCL, die Steinarbeiten führte Paye Stone aus. Das Projekt wurde in einer Kooperation zwischen Tideway, der Londoner Stadtverwaltung, dem Bezirk City of Westminster und der Arts University Bournemouth realisiert. Als Berater agierten The Stonemasonry Company Ltd und Webb Yates Engineers.
Bildquellen: City of London

