Das Megaprojekt Berliner Schloss war für die deutsche Natursteinbranche eine besondere Chance und Herausforderung

Neubau Berliner Schloss.

Es bot die Gelegenheit, nicht nur das Material exklusiv zu präsentieren, sondern auch die Möglichkeiten der modernen Maschinen von 3D-Scanner bis CNC-Seilsäge

Was ist los mit den Deutschen? hatten wir 2018 in einem Bericht über die Rekonstruktion der Altstadt DomRömer in Frankfurt/Main gefragt. Inzwischen ist der Trend zur Wiederherstellung von im 2. Weltkrieg komplett zerstörten Bauwerken zu einem – vielleicht nur: vorläufigen – Höhepunkt gekommen: das neue Berliner Stadtschloss mit dem Humboldtforum wird am 20. Juli 2021 geöffnet. Vorläufer der Rekonstruktion waren unter anderem die Schlösser in Braunschweig und Potsdam oder die Frauenkirche in Dresden.

Für die deutsche Natursteinbranche waren die Vorhaben eine einmalige Gelegenheit. Dies nicht nur, um mit den Zierelementen an den Fassaden die Schönheit ihres Materials zu präsentieren, sondern auch, um die Verarbeitung in den Werkstätten als moderne Tätigkeiten zu präsentieren.

Denn bei den Rekonstruktionen der historischen Gebäude kam der komplette Maschinenpark von 3D-Scannern bis hin zu CNC-gesteuerten Diamant-Seilsägen zum Einsatz.

Die Gründe dafür waren der Kostendruck und die Möglichkeit, dass Teile der Fertigung an Billiglohnländer verloren gingen.

Neubau Berliner Schloss.

Gewaltig war die Menge an Sandstein, die verbraucht wurde: aus rund 9000 m³ wurden rund 25.000 Zierelemente gefertigt, die von kleinen Skulpturen über Gesimse rund um die Fenster bis hin zu tonnenschweren Wappen an den Portalen reichen.

Neubau Berliner Schloss.

Ein Beispiel sind die 43 Adler, hoch oben an der Fassade: Sie schauen mal nach links und mal nach rechts, unterschieden sich aber noch in viel mehr Details, so dass es eigentlich 30 verschiedene dieser preußischen Wappenvögel gibt. Die Spannweite ihrer Flügel liegt zwischen 1,20 und 2,60 m und richtet sich nach dem Abstand der Fenster.

Teilweise musste die Rekonstruktion der Zierelemente praktisch von Null erfolgen, denn nach den Zerstörungen des Krieges waren beinahe alle Unterlagen verloren gegangen. Glücklicherweise aber fand sich im Vermessungsamt von Berlin-Mitte ein Katasterplan aus dem Jahr 1880, zusätzlich gab es Ruinenfotos von der Sprengung nach Kriegsende. Damit konnten die Längen und Winkel der Fassadenteile wieder errechnet werden.

Diese Maße gingen an die Schlossbauhütte, die, wie früher bei solchen Großbauten üblich, auch für dieses Mega-Projekt eingerichtet wurden war: In Berlin-Spandau erstellten die Restauratoren anhand der Maße Tonmodelle, gossen danach Gipsfiguren, anhand derer zuletzt Bildhauer die neuen Stücke aus den Rohblöcken herausmeißelten.

Neubau Berliner Schloss.

Wenn größere Stückzahlen benötigt wurden, wie etwa im Fall der Adler oder der zahlreichen Pilaster, Kapitelle, Genien und Bukranien, übernahmen Maschinen die weitere Fertigung: in den Werkstätten der Natursteinfirmen tasteten 3D-Scanner die Stücke von Bildhauerhand ab, und mit diesen Datensätzen frästen Roboterarme die Elemente aus den Rohblöcken.

Dabei kam von den Maschinen nur etwa 97% der Arbeit. Sie schufen nur unfertige Oberflächen, denen Steinmetze wie früher in Handarbeit den letzten Schliff gaben.

Auch die Außenmauern sind ungewöhnlich, denn die großen Sandsteinelemente sind in die Fassade integriert. Dafür wurde vor der tragenden Wand aus Stahlbeton eine Klinkerwand mit im Mittel 60 cm Dicke aufgemauert. Sie ist mit dem Beton dahinter über Gelenkanker verbunden.

In die Klinkermauer sind die Natursteinelemente je nach Größe und Gewicht mehr oder minder tief eingelassen. Über die Mauer wird auch die Last der dekorativen Balustrade ganz oben abgeführt, die um mehr als eineinhalb Meter hervorragt.

Neubau Berliner Schloss.

Ziel dieser aufwendigen Konstruktion war auch, dem Gebäude den Ausdruck von Dauerhaftigkeit und Wert zu geben, wie es bei einen Pressetermin hieß. Schließlich solle das neue Schloss, das mit dem Humboldt Forum einen kulturellen Leuchtturm in Deutschlands Kulturlandschaft beherbergen wird, nicht aussehen wie eine Einkaufsmall mit vorgehängten Naturstein-Platten.

Nur 3 der Fassaden wurden nach dem historischen Vorbild wiederhergestellt. Das Geld dafür kam aus Spendenmitteln, die Wilhelm von Boddien in einer unermüdlichen Akquisearbeit weltweit bei Sponsoren zusammengetragen hatte.

Die 4. Fassadenseite, die zum Alexanderplatz weist, hat der italienische Architekt Franco Stella geplant, der auch für die neue Innengestaltung im Schloss verantwortlich zeichnet. Als Material für diese Fassadenwand wurde ein spezieller Kunststein aus Beton mit Zuschlag von Sandsteinmehl entwickelt.

Neubau Berliner Schloss.

Auf dieser Schlossseite unmittelbar am Fluss ist neu der Spreebalkon mit den Spreeterrassen entstanden, den die Berliner sofort nach dem Ende der Corona-Beschränkungen erobert haben.

Andreas Schlüter hatte von 1698 bis 1716 dem zuvor bescheidenen Schloss die barocke Fassadenpracht gegeben. Die Figuren und Verzierungen sollten den göttlichen Willen hinter dem Machtanspruch des Königs unterstreichen.

Nach Bombenangriffen war das Gebäude im Februar 1945 ausgebrannt. 1950 wurde es gesprengt. Zu DDR-Zeiten stand dort der Palast der Republik.

2000 hatte eine internationale Expertenkommission dazu geraten, in Berlins Mitte wieder ein Bauwerk in den äußeren Formen des Berliner Schlosses als Humboldt Forum zu errichten. Dieser Empfehlung folgte der Deutsche Bundestag im Jahr 2002.

Die Gesamtkosten der Rekonstruktion werden vom Bauherrn auf 677 Millionen € beziffert, von denen – bei einer Zwischensumme – der Bund 532 Millionen € und das Land Berlin 32 Millionen € übernehmen. Hinzu kommen 105 Millionen € Spendengelder für die Wiederherstellung der Fassade.

Neubau Berliner Schloss.Neubau Berliner Schloss.

Zurück zum Anfang und zur aktuellen Begeisterung der Deutschen für Rekonstruktionen. Architekturprofessor Christoph Mäckler, Vorsitzender des Gestaltungsbeirats für das oben erwähnte DomRömer-Projekt in Frankfurt/Main, vermutete, dass der Trend mit der modernen Welt und der Globalisierung zu habe: „Die Gesellschaft braucht Wurzeln (und) Anker, um sich definieren zu können“, sagte er in einem Interview. Die Menschen wollten eine Architektur, die ihnen Heimat und Identifikation vermittele.

Allerdings befürwortete er nicht die pure Rekonstruktion. Vielmehr sprach er von „weiterbauen“: es gehe darum, aus der Architektur vergangener Jahrhunderte aktuelle Formen zu entwickeln, die den Wünschen der Menschen nachkämen. Dies zumindest so lange, bis der heutige „Städtebau mit seinen Architekturen dem Bedürfnis nach Schönheit und Geborgenheit wieder entspricht“.

Die an den Fassadenarbeiten beteiligten Naturstein-Firmen waren: Bamberger Natursteinwerk Hermann Graser, Hofmann Naturstein, die Sächsischen Sandsteinwerke, F.X. Rauch und Schubert Steinmetz. Wie beim ursprünglichen Schloss handelt es sich um Sandstein aus dem Elbsandsteingebirge und aus Schlesien (Bunzlau/Boleslawiec). In der Eingangshalle findet sich Muschelkalk als Bodenbelag.

Veranstaltungen im Humboldt Forum

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(14.07.2021)