Ein Krieg ist nicht zu Ende, wenn er zu Ende ist

Bahman Chegeni: „It is not what you see“.

Durch das Leben des iranischen Bildhauers Bahman Chegeni, Kurde und Gläubiger des Yarsan (Zoroastrismus, Zarathustrismus), zieht sich die Erfahrung von Gewalt und Diskriminierung

Frieden und umgekehrt Krieg und Gewalt sind die zentralen Themen in den Arbeiten von Bahman (Vorname) Chegeni. Der iranische Bildhauer wurde 1982, im 2. Jahr des Krieges Irak-Iran geboren. Dieser später so genannte 1. Golfkrieg sollte bis zu Chegenis 6. Lebensjahr seine Welt bestimmen: „Ich erinnere mich an den Fliegeralarm und daran, dass wir in den Schutzraum gerannt sind, auch an die Albträume und Ängste. Ich habe bei den Bombardierungen einige meiner Spielkameraden verloren“, schreibt er uns in einer Mail. Er hatte sich mit einer Arbeit an unserer Initiative „Frieden für die Ukraine“ beteiligt.

Wir lernen: ein Krieg ist nicht zu Ende, wenn er zu Ende ist.

Generell zieht sich die Erfahrung von Gewalt durch sein Leben. Denn die Familie ist kurdisch und hat den Yarsan (Zoroastrismus, Zarathustrismus) als Religion.

Schon früh musste er Diskriminierungen erfahren. Dennoch konnte er an der Hamedan University (Boali) ein Studium in Computer Engineering mit Schwerpunkt Software abschließen. Prinzipiell besteht auch für Nicht-Muslime dort der Zugang zu Universitäten, allerdings müssen sie das Studium selber bezahlen.

Im Alter von 24 Jahren geriet in einen offenen Konflikt mit der der Obrigkeit, als er sich dem „Stummen Protest“, wie er es nennt, für mehr Freiheit im Land anschloss. „Die Antwort der Regierung waren 45 Tage im Gefängnis und psychologische Folter.“

Danach entschied er sich für die Kunst als sein Weg, sich für Frieden und Gewaltlosigkeit einzusetzen. Diesmal ging er an die Universität von Teheran und legte einen Abschluss in Bildhauerei ab. Er finanzierte sich mit seinem Können am Computer.

Dass in vielen seiner Arbeiten Hände vorkommen, versteht er als Ausdrucksmittel für menschliche Entscheidungsfreiheit und für Menschlichkeit, aber genauso auch für die Schattenseiten unseres Tuns: „Wir Menschen haben seit Urzeiten viel mit unseren Händen gemacht: Wir haben gebaut, wir haben zerstört, wir haben geliebt, wir haben gehasst, wir haben geholfen, und wir haben gekämpft und…“

Ein Beispiel ist die Arbeit „It is not what you see“ (Es ist nicht das, was du siehst). Dargestellt werden die Generalstreiks von 2009 und 2019 – zunächst war das Victory-V das Zeichen der Bewegung, später die geballte Faust. Chegeni legte eiserne Handschellen um die beiden Marmor-Skulpturen (siehe Aufmacherbild oben).

„Bahman

In „Touch“ (Berührung), entstanden 2021 auf dem 6. Kish Bildhauersymposium im Iran, thematisiert er die strenge Auslegung des Koran: Berührungen zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit sind verboten und werden bestraft. „Ich will Liebende dazu bringen, die Hände zu halten und sich zu küssen“, schreibt er.

„Bahman

Seine letzte Arbeit zuhause war „Chair Handle“ für das Golgohar Symposium in Kerman im Iran 2021. Thema ist hier, dass sich die Islamische Republik in Richtung auf eine Diktatur mit Allmächtigen an der Spitze des Staates entwickelt hat. Nach dem Symposium wurde es ihm verboten, öffentlich aufzutreten und seine Arbeiten zu präsentieren.

„Bahman

In „Creation” (Türkei, 2021) stellt er das Gefühl von Bedrohung dar: der Fötus, der sich eigentlich im Bauch der Mutter aufhalten sollte, ist hier auf einem Platz in der Stadt inmitten von Autos und Umweltverschmutzung aufgestellt.

Bahman Chegeni: „Hand of Angel“.

„Hand of Angels“ thematisiert ein Ereignis aus dem Krieg Irak-Iran von 1986: damals trieb die irakische Armee 75 Kurden mit gefesselten Händen in ein Wasserloch. 2017 entdeckten Taucher die Reste der Toten.

Bahman Chegeni: „Seraph“.

Schließlich „Seraph“ vom Bildhauersymposium in Alanya 2019, diesmal nicht Marmor sondern Diabas. Wer kann ahnen, welche Botschaft hier in die Welt hinausposaunt wird?

In Chegenis Familie spielte Kunst immer eine große Rolle, wie er schreibt, dies einfach deshalb, weil in seiner Religion alle Zeremonien von Musik begleitet sind. Sein Vater war Ingenieur in der Ölbranche. Der Bruder ist Musiker, die Schwester Architektin.

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Photos: Bahman Chegeni

Bahman Chegeni.

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(13.05.2022, USA: 05.13.2022)