Mit dem Long-Term Biodiversity Index (LBI) ist es möglich, die Artenvielfalt in einem Steinbruch zu analysieren und damit auch Öko-Maßnahmen zu bewerten

Der Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), in der Bildmitte, ist eine Pflanze, die nur auf Magerrasen wächst. Foto: Bernd Haynold / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Sowohl aktive als auch aufgelassene Steinbrüche können wertvolle Lebensräume sein. Das haben inzwischen zahlreiche Forschungsprojekte gezeigt. Aber: wie kann man den jeweiligen Stand der Dinge messen, und, daraus abgeleitet, welche Maßnahmen sind die besten, um einen Steinbruch als Lebensraum für Pflanzen und Tiere herzurichten?

Das E.C.O-Institut für Ökologie mit Sitz in Klagenfurt hat dafür ein Verfahren entwickelt, das sich Long-Term Biodiversity Index (LBI, Langzeit-Index für Artenvielfalt) nennt. Es beruht auf Kriterien, mit denen man den Stand der Vielfalt bei Flora und Fauna in einem Steinbruch ermitteln kann.

Verschiedene Besonderheiten hat das Verfahren:
* es beschränkt die Analyse auf wenige Marker-Arten, weil sich die Gesamtheit der Lebewesen in einem Terrain gar nicht auszählen ließe und zudem solch eine Zählung immer nur eine Momentaufnahme wäre;
* es macht Zeitreihen möglich, so dass man die Veränderungen auch über längere Zeiträume verfolgen kann;
* daraus abgeleitet kann man evaluieren, welche Maßnahme welche Wirkung hatte. Das ist besonders für Rekultivierungen wichtig.

Indem so der gute Wille der Steinbruchbetreiber in den Ergebnissen messbar gemacht wird, können die Daten glaubhaft in der Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens eingesetzt werden.

Der Index wurde inzwischen von verschiedenen Betrieben eingesetzt, zuletzt in dem EU-Interreg-Projekt „Cleanstone“. Dort suchten Firmen aus Italien und Österreich nach Wegen, um unter anderem den ökologischen Fußabdruck der Steinbranche zu verringern.

Wohlgemerkt: der Index wird zwar am Computer erstellt, aber am Anfang steht die Analyse vor Ort, also das Zählen im Bruch.

Ein Steinbruch gliedert sich von selbst in unterschiedliche Lebensräume für Pflanzen und Tiere: nasse und trockene Zonen, heiße oder kühle, nährstoffreiche oder nährstoffarme. Die Lebewesen dort brauchen keine großen Flächen, wollen aber Distanz zur Abbauzone.

Im Kern geht es dabei um die unterschiedlichen Lebensräume, die man vor Ort findet. Das können zum Beispiel nasse beziehungsweise trockene Zonen sein, warme oder kalte, nährstoffreiche oder nährstoffarme usw. Die Wissenschaftler wissen, welche Pflanzen- und Tierarten dort zu erwarten sind, und deshalb brauchen sie nur noch mit Stichproben den Dingen auf den Grund zu gehen.

In einem 2. Schritt wird dann hinzugerechnet, wie groß diese Zonen sind.

Für die Tierarten dienen die vorhandenen Vögel als Indikatoren. Sie geben Aufschluss über die Insekten, die herumkrabbeln oder -schwirren. Wollen die Wissenschaftler eine noch genauere Analyse, nehmen sie Spinnen, Fledermäuse und Reptilien hinzu.

Für den ungeübten Betrachter ist das eine überraschende Methode, denn er würde sich erst einmal die Frage stellen, wie überhaupt Pflanzen oder Tiere den Weg in einen Steinbruch finden sollen. Die Antwort: der Wind ist eines der Mittel, das zuverlässig für die Verbreitung der Arten sorgt, andere reisen im Gefieder der Vögel mit usw.

Der Index bewährte sich im Rahmen des Cleanstone-Projekts. Dort wurden 2 aktive Steinbrüche jeweils in Italien und in Österreich bewertet.

Die Analysen brachten überraschende Ergebnisse, von denen der Vegetationsökologe Tobias Köstl einige aufzählt: bei den Pflanzen stieß man auf Raritäten wie den Sanddorn (Hippophae rhamnoides), das Rosmarin-Weidenröschen (Epilobium dodonaei) oder den Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera). Bei den Tieren waren es Felsenschwalben (Ptyonoprogne rupestris), der Uhu (bubo bubo), Sandvipern (vipera ammodytes) oder die Gottesanbeterin (mantis religiosa).

Ein Steinbruch wirkt aus der Ferne wie eine Felsenlandschaft, bietet aber in Wirklichkeit eine Vielfalt an potenziellen Lebensräumen für Tiere und Pflanzen.

Auffallend am Projektbericht ist, dass die E.C.O.-Forscher sich ausdrücklich bei Mitarbeiterinnen der Steinbruchfirma Julia Marmi snc für die Unterstützung und das Engagement bei der Pflege der ehemaligen Brüche bedanken.

Sowohl aktive Steinbrüche als auch Rekultivierungen lassen sich mit dem Index bewerten. Denn er betrachtet nicht nur die Abbauzone, sondern auch Bereiche wie Halden oder die Infrastruktur, also alles, was im Einflussbereich des Betreibers steht.

Im Regelfall sind die Empfehlungen wenig spektakulär und billig umzusetzen: manchmal bestehen sie darin, mit dem Radlader einen Steinhaufen zusammenzuschieben, kleine Wasserstellen zu sichern oder Flächen zu begrünen.

Immer aber steht im Mittelpunkt ein Gewähren-Lassen – wenn eine Fläche im Bruch als Lebensraum für die Natur definiert wurde, sollte man sie sich selbst überlassen. Alsbald kommen Pflanzensamen und Eier von Kleintieren mithilfe natürlicher Mitfahrgelegenheiten vorbei und versuchen, dort Fuß zu fassen.

Ein Fazit der Erkenntnisse aus dem Index ist, dass ein Loch in der Landschaft, wie es der Abbau von Stein unweigerlich reißt, oft sogar eine neue ökologische Qualität entwickelt. „Einer der Steinbrüche zeigte nach 20 Jahren mehr Biodiversität als jener Fichtenwald, der zuvor an seiner Stelle gestanden hatte und der auch heute noch nebenan wächst“, so Köstl.

Bei Projekten aus der Umgebung machen die E.C.O.-Forscher selber die Bewertung. Im Ausland arbeiten sie mit Partnern vor Ort zusammen.

E.C.O.-Institut für Ökologie

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(19.08.2022)