Archiplein und Perraudin Architectes bauen in einem Genfer Vorort ein Großprojekt in Massivstein

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Es ging um einen reduzierten ökologischen Fußabdruck der Gebäude und um Erdbebensicherheit

Das massive Bauen mit Naturstein zieht Kreise: seit 2021 gibt es auch in der Schweiz ein größeres Projekt, bei dem die Mauern aus tragenden Natursteinquadern errichtet sind. Es handelt sich um zwei Gebäude im Genfer Vorort Plan-les-Outtes: jedes hat einen Teil mit vier und einen mit sechs Geschossen, und insgesamt beherbergen beide 68 Wohnungen. Etwa 70 % davon sind Sozialwohnungen, 30 % Eigentumswohnungen, was zeigt, dass Massivbauen mit Stein auch unter besonderem Kostendruck möglich ist.

Geplant wurden die beiden Gebäude vom Architekturbüro Archiplein in Zusammenarbeit mit dem französischen Architekten Gilles Perraudin. Der gilt inzwischen auch über Frankreich hinaus als Altmeister des Massivbauens mit Stein.

Bei dieser neuen Größenordnung waren auch Antworten auf einige neue Fragen zu finden:
* Welche Steinbrüche konnten die stattliche Menge von rund 2070 m³ Steinmaterial liefern?
* Welche hätten zudem die Kapazität, um die 6975 Steinelemente (rechteckige Blöcke, knapp 1200 Gesimse und 690 Platten) zuzuschneiden?
* Wie würde man am Ende die Oberflächen der Blöcke gestalten, da viele aus dem Werk die Spuren der Säge oder Schrammen trugen?

Wir wollen die Antwort auf die letzte Frage gleich geben: man beließ die Steinblöcke rau, wie sie waren, und hat damit ein bestimmtes Dekor für die Fassade gewonnen: Der Sonnenstand wirft ein Schattenspiel über die Steine.

Die Gesimse für das Ableiten des Regenwassers geben der Fassade eine zusätzliche Gliederung, über das Raster der Steinblöcke hinaus.

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Errichtet werden solche Gebäude nach dem Baukastenprinzip: in den Plänen wird ein Repertoire an Steinelementen mit bestimmten Größen festgelegt, und im Bruch oder in der Fabrik werden sie von CNC-Maschinen exakt zugeschnitten.

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Die Maße lagen hier zwischen 2 m und 1 m Länge, 70 cm Höhe und 50 cm Dicke. Mit zunehmender Höhe konnten die Steine dünner werden, weil sie weniger Last zu tragen haben.

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Das Hochziehen der Wände war denkbar einfach: „Die Blöcke wurden mit einer Hebeklemme angehoben und von zwei Maurern angenommen, die sie genau positionierten. Die Maurer mussten sich an den Umgang mit den Elementen gewöhnen, da es keinen Verputz gibt und besondere Sorgfalt verlangt ist“, heißt es in einer Beschreibung der Architekten.

Die Wände gelten als erdbebensicher, was für die Gegend um Genf wichtig ist.

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Besonders interessant aus der Sicht von Architekten ist, dass dieses Bauen nach Baukastenart vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Hier haben die Planer zum Beispiel mit den äußeren Ecken in der Fassade gespielt: Sie sind negativ ausgeführt als Variante der Mies’schen Ecke, benannt nach Mies van der Rohe.

Auch im Inneren tauchen die negativen Ecken auf.

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Dort ist Holz das prägende Material. Sein Braunton passt zum Creme-Ton dieses Kalksteins. Beton wurde nur für die Treppe im Kern der Gebäude verwendet.

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Was die Konstruktion angeht, sprechen die Architekten von drei Kränzen (im Original: „Trois Couronnes“): ganz innen das Geviert des Treppenhauses, drumherum genauso die Funktionsräume, ganz außen nach demselben Prinzip die Wohnräume.

Die Fenster reichen bis auf den Boden. Das macht die Räume hell und erlaubt einen weiten Blick auf die Berge des Jura und über den Fluss Salève hinweg.

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Außen umlaufende Gesimse betonen die Geschosse, deren Decken aus Beton sind.

Zum Einsatz kamen drei Sorten Kalkstein, je nach Verwendungszweck: für den Sockel der harte Pierre de Migné, darüber die weicheren Pierre de Brétigny und Pierre d’Estaillade.

Die banale Erkenntnis, dass Stein nicht gleich Stein ist, wurde hier beachtet. Marlène Leroux, Architektin bei Archiplein, drückt es in einem Video etwas anders aus: „Man hat es mit einem natürlichen Material zu tun und muss sich von der Idee verabschieden, dass alles immer wieder genauso geht wie zuvor.“

Die Außenwände kommen ohne Wärmedämmung aus. Die thermische Trägheit des Steins hält im Sommer die Hitzespitzen draußen und im Winter die Wärme drinnen.

Einen Verputz gibt es an den tragenden Wänden nicht. Das heißt auch: Die Bewohner sehen von innen wie von außen, was das für ein Material um sie herum ist.

Massivbauen mit Naturstein von Archiplein und Perraudin Architectes.

Viel Überzeugungsarbeit hatten die Architekten für ihr Konzept zu leisten, kann man einem Interview in der Zeitschrift Espazium entnehmen. „Ein wichtiger Teil der Arbeit bestand darin, alle beteiligten Akteure zu beruhigen“, sagen Francis Jacquier und Marlène Leroux von Archiplein.

Am Ende aber waren sie überrascht, dass, obwohl es in der Jury sehr heterogene Meinungen gab, sich ein Konsens herausbildete, „wenn auch mit ganz unterschiedlichen Begründungen“: Einigen gefiel besonders der städtische Ausdruck des Steins, andere schätzten die wirkliche Nachhaltigkeit im Projekt, anderen gefiel die Konstruktion mit den drei Kränzen. „Jeder fand etwas Passendes für sich.“

Aktuell läuft die Planung für ein noch größeres Projekt in massiver Steinbauweise in Genf: dort wird im Stadtteil Coulouvrenière eine ehemalige Schokoladenfabrik aus dem 19. Jahrhundert erweitert.

Atelier Archiplein, Genf

Atelier Perraudin, Lyon

Espazium (französisch)

Der Stein kam von den Firmen France Pierre und Carrières de Provence.

Fotos: Adrien Buchet, 11h45: photographie d’architecture
 

See also:

(19.02.2024)