Über Notre-Dame ragt La Flèche, der Vierungsturm, wieder in den Himmel von Paris

Ein Wasserspeier in den Armen der Steinbildhauer (Foto: September 2023).

Im Jargon der Handwerker vermelden wir weitere Erfolge: „La Forêt“ (Der Wald) ist auch schon wieder oben, und die „Grand Ducs“ (Uhus) ebenfalls

„Sie steht wieder und ragt in den Himmel über Paris“ jubelte die französische Fachzeitschrift Pierre Actual (April 2024), und wir wollen uns dem Jubel anschließen. Denn die Rede ist von La Flèche (Der Pfeil), dem markanten Vierungsturm in der Mitte des Dachs von Notre-Dame in Paris. Wir erinnern uns: am 15. April 2019 hatte ein Brand das Gotteshaus und Weltkulturerbe verwüstet. Symbolischer Höhepunkt des Katastrophe war jener Moment, als der in Flammen stehende Vierungsturm umkippte, das Dach mitsamt dem Gewölbe unter sich zerschlug und brennend in das Kirchenschiff stürzte.

Zahlreiche Details zu dieser Etappe des Wiederaufbaus sind auf der Webpage von Rebâtir Notre-Dame zu finden. Die Organisation wurde für den Wiederaufbau eingerichtet wurde und koordiniert die Arbeiten. So steht La Flèche in etwa 70 m Höhe über dem Erdboden und hat seinerseits eine Höhe von 30 m.

Es ruht auf dem Kreuzgewölbe, wo das Mittelschiff der Kirche und die beiden Seitenarme zusammenkommen und so architektonisch ein Kreuz formen. Genauer: der Tum in der Form einer Nadel, der den massiven Türmen am Haupteingang ein optisches Leichtgewicht gegenüberstellt, ruht auf einem Druckring aus Steinelementen, der seinerseits auf dem Kreuzgewölbe sitzt.

Die originalgetreue Wiederherstellung dieses Ensembles verlangte nicht nur außergewöhnliche Leistungen der Steinmetze und Zimmerleute, sondern auch eine besondere Organisation. Denn nachdem der Druckring fertiggestellt war, konnte das Dach nicht gleich geschlossen werden. Zunächst mussten noch die großen hölzernen Bauteile für La Flèche in die Höhe gebracht und dort zusammengebaut werden.

Die „Uhus“ am Fuß von La Flèche (Foto: Februar 2024).

Demgegenüber nur Schmankerl am Rande dieser großen Aufgabe waren die vielen Dekorelemente an der Nadel, zum Beispiel der Wetterhahn ganz oben oder die Adler aus Blei – im Jargon „Uhus“ genannt“ weiter unten. Der Betrachter sieht sie nicht.

Der Dachstuhl (La Forêt) noch mit dem Gerüst für La Flèche: Foto: März 2024.

Inzwischen ist der Dachstuhl über der Kirche komplett geschlossen. Aufgrund der Menge an Holz, die dort verbaut wurde, trägt er unter den Bauleuten den Spitznamen „La Forêt“ (Der Wald).

Anschließend kommen die Dachdecker.

Mit schönen Fotos hat Rebâtir Notre-Dame auch die Arbeiten an den Wasserspeiern und Schimären der Fassade dokumentiert. Besonders gut gefallen hat uns ein Bild, wo eine Gruppe von Steinmetzen solch ein Monster in den Armen hält (siehe Foto ganz oben). Je nach dem Zustand dieser Kunstwerke wurden sie abmontiert und teilweise erneuert.

Andere Skulpturen hatte das Feuer komplett zerstört. Hier waren die Restauratoren gefragt: anhand von Fotos oder Zeichnungen wurden die steinernen Kunstwerke wieder geschaffen. Wenn es aber keine Dokumente von den Originalen mehr gab, schufen die Bildhauer neue im Geschmack der damaligen Zeit.

In der Zeitschrift „La Fabrique de Notre-Dame“, die zweimal pro Jahr erscheint, berichtet Rebâtir Notre-Dame vom Wiederaufbau. In der Ausgabe 5/2023 vom Juni 2023 findet man ab Seite 48 (auf Französisch oder Englisch) einen Bericht über das Steinmetz-Zelt, das von Sommer 2022 bis Anfang 2024 auf dem Platz vor der Kathedrale stand.

Es war richtig groß, ausgelegt für zehn Arbeitsplätze und einem Kran, der Lasten von mehreren 100 t heben konnte. Wichtig war auch, dass die Handwerker dort bei Tageslicht arbeiten konnten. Die Aufträge wurden in Chargen (Lots) an Werkstätten aus ganz Frankreich vergeben – ganz gezielt wollten die Planer das ganze Land an dem Projekt beteiligen und so auch für einen handwerklichen Know-how-Transfer nach altem Vorbild sorgen.

Von Seite 28 an geht es in jener Ausgabe der Zeitschrift um den Druckring für La Flèche.

Jugendliche mit der „Mallette pédagogique“.

Im Januar 2024 stellte das Kulturministerium eine „Mallette pédagogique“ (Pädagogischer Koffer) vor, der sich an die Restauratoren und Handwerker von morgen richtet: Jugendliche von 12 bis 17 Jahren finden dort ein Bündel von 13 Aktivitäten, anhand derer sie die Baustelle erkunden und die Arbeiten kennenlernen können.
Die Ausstellung „Au cœur du chantier“ (Im Herz der Baustelle) im Parvis de La Cathédrale bietet Informationen für jedermann (bis 31. Dezember).

Am 08. Dezember 2024 soll die Wiedereröffnung stattfinden.

Rebâtir Notre-Dame

La Fabrique de Notre Dame

Video Mai 2024: Die Baustelle aus der Luft

 

Timelapse Januar 2024: das Gerüst für La Flèche

See also:

(24.06.2024)