„My Story – Antike Frauenporträts und ihr Nachleben“ heißt eine Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien bis 20. September 2026. Im Mittelpunkt stehen zwei steinerne Abbildungen von Frauen aus dem römischen Reich; sie selbst erzählen von der Detektivarbeit, mit der die Wissenschaftler des Museums den Figuren Informationen entlocken: ein oft unterschätztes Detail spielt die Frisur, die Antworten gibt auf Fragen etwa nach der Datierung oder der Identität.
Die eine Büste zeigt vermutlich die vergöttlichte Julia (61–89 n. Chr.), Tochter von Kaiser Titus und Nichte von Kaiser Domitian aus dem Geschlecht der Flavier. Sie trägt eine markante Stirnlockenfrisur, die auf Rang und Epoche verweist. Der Körper ist eine raffinierte Montage aus antiken Fragmenten – einem Kapitell und Bauornamenten, ergänzt im 16. Jahrhundert – so geschickt, dass die Eingriffe lange unbemerkt blieben. Antike Substanz trifft hier auf frühneuzeitlichen Gestaltungswillen.
Das zweite Exponat ist ein Grabrelief einer älteren Frau im Typus der „Großen Herkulanerin“ und erzählt eine andere Geschichte. Auch sie trägt eine zeittypische Frisur, die sie als Zeitgenossin Julias ausweist. Ihre kostbare, traditionelle Kleidung deutet auf eine wohlhabende Frau hin. Doch ihr ursprünglicher Kontext ist verloren: aus einem größeren Zusammenhang herausgeschnitten, fehlen heute Rahmung und Begleitfiguren wie ihr Ehemann.
Beide Werke gelangten vermutlich über den Seehandel aus Attika auf den venezianischen Kunstmarkt und von dort im 18. Jahrhundert in die Sammlung des Marchese Tommaso Obizzi (gest. 1803), der in seinem Schloss Catajo bei Padua ein eigenes Antikenmuseum einrichtete.
In der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums werden rund 250 römische Marmorbildnisse aufbewahrt, zum Beispiel die Matrone Capite velato (um 40 v. Chr., Marmor), auf dem Bild ganz oben. Ihre besondere Wirkung liegt bis heute in der Unmittelbarkeit, mit der sie Menschen aus einer fernen Vergangenheit lebendig erscheinen lassen. Sie entfalten ein eindrucksvolles Panorama weiblicher Selbstinszenierung in der Antike – vielstimmig, wandelbar und erstaunlich lebendig.
Die Sonderpräsentation ist Teil eines umfassenden Forschungsprojekts, das sich den „Biografien“ antiker Skulpturen widmet. Im Zentrum steht die Frage: Wie lässt sich ein Werk beurteilen, das nicht mehr seinen ursprünglichen Fundzustand zeigt, sondern die Spuren einer langen nachantiken Geschichte trägt? Denn viele Porträts wurden mehrfach verändert – nicht erst seit der Renaissance, sondern bereits in der Antike. Köpfe erhielten neue Frisuren, angepasst an wechselnde Moden oder aus pragmatischen Gründen wie Materialknappheit. So wurde ein Bildnis immer wieder neu interpretiert und umgeformt.
Kunsthistorisches Museum, Wien






