Die Geschwister-Scholl-Schule in Wismar.Die Geschwister-Scholl-Schule in Wismar.

Natursteinbricks, also Natursteine im Format der klassischen Backsteine, sind Natursteinprodukte mit großer Zukunft. Ihre Stärken sind der minimale CO2-Fußabdruck, weil sie nicht durch den Sinterofen müssen, und ihre vergleichbare Härte und Langlebigkeit. Wir haben deshalb den Internationalen Kongress für Backsteinbaukunst besucht. Er fand zum 21. Mal in der Hansestadt Wismar statt und hatte diesmal als Untertitel „Der Backstein hat Kulturgeschichte geschrieben“. Er wurde veranstaltet unter Federführung des Europäischen Zentrums der Backsteinbaukunst.

Tatsächlich ist Backstein in den unterschiedlichen Formen wie Klinker oder gebrannte Terrakotta überall in Nordeuropa und auch auf vielen anderen Kontinenten als Baumaterial und ebenso als Wegepflasterung zu finden.

Unser Ziel beim Kongressbesuch war, etwas über das namensgebende Material für die Stonebricks zu erfahren und auch darüber, wie die Backsteinleute mit ihrem Material umgehen.

Der Höhepunkt des Kongresses waren für uns die beiden Schüler, die ihr jeweils liebstes Objekt in Backstein präsentieren durften.

Einer der Giebel der Nikolaikirche mit reichen Backsteinverzierungen. Foto: Eiko WenzelDie Altstadt von Wismar mit der Nikolaikirche im Hintergrund.

Die Gymnasiastin Tora Barfels blieb sozusagen zu Hause in Wismar und stellte die Nikolaikirche dort und deren Geschichte vor. In den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellte sie die Giebel mit reicher Verzierung (siehe Fotos). Dort sind in lichter Höhe unter anderem Drachen, Löwen, Menschenköpfe und eine Sonne in glasierten Steinen dargestellt. Sehen kann diese Schmuckstücke vom Boden aus nicht – Tora Bafels aber hatte, wie sie sagte, in der Schule gelegentlich Zeit zur Betrachtung der Kirchengiebel in Sichtweite, etwa wenn ihr der Unterricht langweilig oder zu kompliziert wurde. Ihr Schulgebäude, die Geschwister-Scholl-Schule, ist übrigens selbst reich mit Backstein verziert (siehe Fotos ganz oben).

Ischtar Tor im Berliner Pergamonmuseum.  Quelle: Wikimedia Commons / LBM1948, Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg)Ischtar Tor im Berliner Pergamonmuseum.  Quelle: Wikimedia Commons / LBM1948, Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg)

Der 12-jährige Juri Arera hingegen begab sich auf eine weite Reise, sowohl örtlich als auch zeitlich: Er widmete seine Betrachtung dem Ischtar-Tor in Babylon, für das König Nebukadnezar II. um 600 v. Chr. fantastische Tierfiguren in blau glasierten Steinen hatte erstellen lassen. Juri lieferte einen Kurzvortrag zum alten Reich Babylon und dessen Kultur und beschrieb auch den Weg der archäologischen Fundstücke nach Berlin ins heutige Pergamonmuseum.

Im Folgenden ein paar kurze Zusammenfassungen der Vorträge, die von der Materialforschung bis zur Verwendung von Backstein in der Architektur ehemals und heute reichten.

Auffallend war: Der Kongress bot nicht Firmenvertretern oder Verbänden die Gelegenheit, ihre Produkte zu präsentieren, sondern hatte Wissenschaftler als Referenten, die ihre Themen mit großem Tiefgang bearbeiteten. Die Vorträge werden in einem Tagungsband veröffentlicht.

Fassadenkunst in Wismar.

Einen wirklich sehr großen Bogen spannte Professor Dr. h.c. Wilfried Wang von der Tongji-Universität in Shanghai. Er konstatierte, dass in bestimmten Epochen weltweit vergleichbare Bauten, etwa Stufenpyramiden oder Agrarterrassen, errichtet worden waren, ohne dass es einen Austausch zwischen den Völkern gegeben hatte.

An den Beginn der festen Bauten der Menschheit stellte er die Lehmziegel, die vor rund 10.000 Jahren in der Sonne getrocknet worden waren.

Mit gebrannten Ziegeln hatten die Sumerer um 2000 v. Chr. dann nicht nur ein Material mit zuvor unbekannter Haltbarkeit. Die Verwendung standardisierter Größen und Formen erlaubte ihnen auch eine effektive Abwicklung von Großbauten, dies hinsichtlich der Planung als auch der Bauzeit sowie der Abschätzung der Kosten. Wang: „Das war eine Höchstleistung.“

Die Entwicklung von Gewölben bewältigten dann die die Römer mit Hilfe von Backsteinen. „Backstein ist ein Urelement der Baukultur“, so Wang.

Fassadenkunst in Wismar.

Von einer frühen Form der Globalisierung berichtete Dr.-Ing. Ronald Stenvert von der Universität Utrecht am Beispiel der niederländischen Backsteinexporte im 17. und 18. Jahrhundert. Bei den Fahrten rund um den Globus stellte sich für die Segler eine dauernde Herausforderung: Die Segelschiffe kamen zwar voll beladen mit Fellen über die Ostsee oder mit Zucker und Gewürzen aus Indonesien zurück – wären die Schiffe aber unbeladen dorthin gefahren, hätten sie auf den Meeren kaum Bestand gegen die Wellen und den Wind gehabt.

Es ging also um Ballast.

Die Niederländer luden für die Hinfahrten ihre Backsteine zu, und erzielten damit am Zielort auch noch einen Zusatzertrag. Meist handelte es sich um gelbe Steine, da der holländische Ton als Ausgangsmaterial einen hohen Kalkgehalt hat. Amsterdam wurde in diesen Zeiten zum führenden Backsteinhafen des Landes.

Kuriosität am Rande: In Amsterdam waren 1663 zwanzig Steinzähler eingesetzt, um dafür zu sorgen, dass der Staat die Steuern für die Steine bekam.

Fassadenkunst in Wismar.

Um Kulturtransport am Beispiel des Backsteins ging es im Vortrag von Dr. Tobias Arera-Rütenik von der Universität Bamberg. Er stellte anhand einiger Bauten dar, wie manchmal die Materialien, manchmal die Bauleute und manchmal die Architekturideen von der Iberischen Halbinsel etwa nach Tunesien oder nach Mexiko gingen.

Gelegentlich waren politische Entscheidungen der Anstoß dafür: So vertrieb König Philipp II. die Morisken als Islamgläubige aus dem Land, und die nahmen ihr Können als Ziegelbrenner oder Bauleute nach Nordafrika mit. Dort entstanden wiederum Bauten, die unverkennbar spanischen Einfluss zeigten.

Bei manchem „großen“ Thema der Vorträge kamen dann plötzlich auch die Menschen der damaligen Zeit und ihre Weltvorstellungen zum Vorschein: So hat man an Backsteinen an Kirchen deutliche Abschürfungen gefunden – vermutlich wurden sie von Gläubigen verursacht, die ein wenig von dem heiligen Staub des Gotteshauses mitnehmen wollten, um zu Hause damit ihre Kranken gesund zu pflegen.

Weitere Vorträge beschäftigten sich mit Backsteinbauten unter anderem in Rumänien, Lettland und Deutschland, oder mit berühmten Architekten wie Erich Mendelsohn. Nach ihm ist der jährliche Preis für Backsteinarchitektur benannt.

Europäisches Zentrum der Backsteinbaukunst (deutsch)

Erich Mendelsohn Preis

Hansestadt Wismar

Fotos: Peter Becker / Eiko Wenzel / Wikimedia Commons