Bauen gegen den Klimawandel: „Renaissance des beinahe vergessenen Natursteins“

Archiplein und Perraudin Architectes haben in einem Genfer Vorort ein Großprojekt in Massivstein gebaut (<a href="https://www.stone-ideas.com/105011/massivbauen-mit-stein-archiplein-perraudin-architectes/"target="_blank">Bericht</a>).Offizielle und Referenten beim Parlamentarischen Abend: (v.l.n.r.) Nina Graser (DNV); Pierre Bidaud (Creative Director, Stonemasonry Company, UK); Anne Hangebruch (Juniorprofessorin, Technische Universität Dortmund); Hermann Graser (DNV-Präsident); Elisabeth Kaiser (Staatssekretärin im Bundesbauministerium);  Andreas Schwarz (Mitglied des Deutschen Bundestags), Dr. Markus Hennecke (ZM-I Gruppe, München). Foto: DNV

Bei einem Parlamentarischen Abend in Berlin informierten sich Vertreter der Baubranche und der Politik über die Möglichkeiten des Materials

Der Begriff ist anspruchsvoll, trifft aber das Thema in seiner ganzen Breite: von einer „Renaissance des Natursteins“ als Baustoff war Anfang April 2024 auf einem Parlamentarischen Abend in Berlin die Rede, wo sich Vertreter der Politik und der Bauwirtschaft zum Gespräch über eine klimagerechte Neuausrichtung des Bauens trafen. Denn die Renaissance im 16. Jahrhundert brachte ein komplett neues Denken hervor – neu im Bauen ist nun, dass die Belange des Klimaschutzes berücksichtigt werden sollen.

Das kann gelingen, wenn Naturstein als konstruktives – nicht nur als dekoratives – Material wiederentdeckt wird.

Die Initiative zu dem Treffen war vom Deutschen Naturwerkstein-Verband (DNV) ausgegangen. Unterstützt hatte sie das Bundestagesmitglied Andreas Schwarz. Der SPD-Politiker im Landkreis des DNV-Vorsitzenden Hermann Graser ermöglichte der Veranstaltung den Zugang zu den Räumen der Parlamentarischen Gesellschaft unmittelbar hinter dem Reichstag.

Der Ort war beispielhaft gewählt: das Palais wurde vor gut 120 Jahren als Sitz des Reichstagspräsidenten der Weimarer Republik errichtet und hat seitdem der deutschen Politik gute Dienste getan. Und das kann es auch weiterhin tun, nach wenigen kleineren Instandsetzungen seit dem Fall der Mauer, wie DNV-Chef Graser bei der Begrüßung anmerkte.

Damit sind wir beim 1. Aspekt der Renaissance angelangt: Naturstein bietet die Möglichkeit, Gebäude mit längerer Lebenszeit zu planen, als es derzeit üblich ist. Das ist ressourcenschonend und ein zentrales Ziel in Zeiten des Klimawandels.

Die Zielsetzung des DNV ist dabei der Wohungsbau, speziell vor dem Hintergrund der aktuellen Knappheit.

Übrigens: Groß war das Interesse der Politik an dem Parlamentarischen Abend, denn rund ein Viertel der circa 100 Gäste waren Mitglieder des Bundestages oder deren Vertreter.

Zum Start hatte die Staatssekretärin aus dem Bundesbauministerium das Interesse ihres Hauses an der Renaissance im Material bekundet. Elisabeth Kaiser verwies darauf, dass mit Naturstein auch das serielle und modulare Bauen möglich sei, und dass man den Stein dabei zum Beispiel mit anderen umweltfreundlichen Materialien kombinieren könne. Bisher propagiert das Ministerium für seine „Bauwende“ (Kaiser) vor allem vorgefertigte Teile aus Holz.

CO2-Emissionen: Tabelle des American Institute of Architects (AIA).

Sie verwies auf den generellen „Paradigmenwechsel“, der in den letzten Jahren in der Architektur stattgefunden hat: statt die 39 % der Gesamtmenge an CO2-Emissionen, die Bauen und Wohnen verursachen, vor allem durch Wärmedämmung zu reduzieren, geht der Blick nun auch auf die Auswahl der Materialien. Graue Energie ist das Stichwort – sie wird verbraucht, wenn der Baustoff erzeugt wird.

Dieser Anteil ist bei Naturstein praktisch Null, denn der Stein ist von Natur aus in der Erdkruste vorhanden.

Im Kern bedeutet die Renaissance des Natursteins, dass man ihn entsprechend seiner Eigenschaften wieder konstruktiv (mit tragender Funktion) verwendet. Wobei dies erweitert werden kann um die Möglichkeiten, die die moderne Technik bietet.

Drei Denkrichtungen gibt es im Wesentlichen, und die Referenten auf dem Parlamentarischen Abend präsentierten eigene und fremde Projekte dazu:
 

* man setzt kleine Blöcke (auch: ohne Mörtel) aufeinander oder schneidet im Steinbruch gleich geschosshohe Wände aus dem Fels:

Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg begann mit dem französischen Architekten Fernand Pouillon (<a href="https://www.stone-ideas.com/1994/architektur-stein-legos-als-klimaanlage/"target="_blank">Bericht</a>). Foto aus dem Jahr 2010 von Pouodou99 / Wikimedia Commons
Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg begann mit dem französischen Architekten Fernand Pouillon (Bericht). Gebäude in Massivbau in Algier. Foto aus dem Jahr 2010 von Pouodou99 / Wikimedia Commons.

Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London (<a href="https://www.stone-ideas.com/75352/15-clerkenwell-close-london-massivstein-fassade/"target="_blank">Bericht</a>).
Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London (Bericht).
 

* für Gewölbe greift man auf selbsttragende Konstruktionen (Stereotomie) aus exakt zugeschnittenen Mauersteinen zurück:

AAU Anastas: „Stonematters“ in Jericho (<a href="https://www.stone-ideas.com/57043/stonematters-ist-ein-selbsttragendes-gewoelbe-aus-kalkstein-elementen/"target="_blank">Bericht</a>).
„Stonematters“ von AAU Anastas ist ein selbsttragendes Gewölbe aus Kalkstein-Elementen (Bericht).
 

* man zieht Stahlseile durch die Steine und spannt die Seile:

Professor Giuseppe Fallacara, Politecnico di Bari: „Hypargate Vela“ (<a href="https://www.stone-ideas.com/53523/modernes-bauen-mit-naturstein-eine-elegante-sattelform-als-ueberdachung/"target="_blank">Bericht</a>).
Professor Giuseppe Fallacara vom Politecnico in Bari nutzt gespannte Stahlstangen, um die schwebende Struktur eines Hypars zu realisieren (Bericht).

The Stonemasonry Company, Webb Yates Engineers: Natursteintreppe freischwebend mit einer Drehung um 320 Grad (<a href="https://www.stone-ideas.com/49892/natursteintreppe-freischwebend-mit-einer-drehung-um-320-grad/"target="_blank">Bericht</a>).
The Stonemasonry Company, Webb Yates Engineers: Natursteintreppe freischwebend mit einer Drehung um 320 Grad (Bericht).
 

Die Referenten waren:
* Juniorprofessorin Anne Hangebruch, Technische Universität Dortmund;
* Pierre Bidaud, Creative Director bei der Stonemasonry Company, UK;
* Dr. Markus Hennecke, ZM-I Gruppe, München.
Sie zeigten aktuelle Beispiele aus der ganzen Welt, wo die neuen Wege des Bauens schon beschritten werden.

Pierre Bidaud verwies dabei noch auf einen Aspekt, der im Bauen nur selten betrachtet wird: auch der Wasserverbrauch, der mit der Gewinnung und Verarbeitung der Materialien verbunden ist, ist bei Naturstein marginal im Vergleich zu anderen Baustoffen.

Wenn weltweit Naturstein zumindest ansatzweise schon die Renaissance erlebt, wie ist der Stand der Dinge dann in Deutschland?

Die Antwort ist einfach: Deutschland ist ein Land der Vorschriften und Normen, und die gibt es bisher nicht für Massivbauen mit Stein. Möglich ist es bisher nur über Ausnahmegenehmigungen im Einzelfall. Also braucht es Initiativen wie den Parlamentarischen Abend, um das neue Bauen anzustoßen.

Fest steht: das Knowhow für die Verarbeitung des Steins und die Montage solcher Bauten ist im Handwerk (noch) vorhanden, hieß es in den Redebeiträgen.

Und: Bautauglicher Stein ist überall verfügbar. Mit Ausnahme des Nordens sind in Deutschland nahe an jeder Ortschaft Steinbrüche vorhanden.

Und, nicht zuletzt: die vielfältigen Möglichkeiten des neuen Bauens tun sich erst allmählich auf.

Deutscher Naturwerkstein-Verband (DNV)

Massives Bauen mit Stein wird ein zentrales Thema auf dem Stone+tec-Kongress im Juni 2024 in Nürnberg sein (Programm).
 

Renzo Piano: Chiesa di Padre Pio (1994-2004):

(29.04.2024)

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