Mit Tests vorab und einer peniblen Qualitätskontrolle im Verlauf: an der Finlandia Hall in Helsinki hat die 2. Sanierung der Marmorfassaden begonnen

Die Finlandiahalle vor der aktuellen Sanierung der Marmorfassaden. Die Finlandiahalle vor der aktuellen Sanierung der Marmorfassaden. Verwendet wird, auch als Ergebnis eines EU-Forschungsprojekts, nun der weiße Marmor Lasa Nuvolato

An der berühmten Finlandia Hall des Architekten Alvar Aalto hat im März 2022 zum 2. Mal die Sanierung der Fassade aus weißem Marmor begonnen, diesmal unter anderen Vorbedingungen als beim 1. Mal in den 1990ern: inzwischen gibt es Testverfahren, mit denen man sicher beurteilen kann, ob ein Naturstein sich unter den Bedingungen an einer hinterlüfteten Fassade verformen wird.

Und als Konsequenz daraus wird sogar wieder ein italienischer Marmor verbaut, diesmal der Lasa Nuvolato von der Firma Lasa Marmo Srl aus Tirol.

Denn der Stadt Helsinki ging es darum, das ikonische Bauwerk für Konzerte und Kongresse wieder so herzurichten, wie der weltweit bekannte Architekt es geplant hatte. Aaltos (1898-1976) Ziel war, einerseits das Bauwerk mit der Eleganz des weißen Marmors auszustatten, dies sowohl außen als auch innen, andererseits hatte er ein Faible für den Süden und wollte etwas davon in den Norden holen.

Schauen wir zurück.

Einige Jahre nach der Fertigstellung der Finlandia Hall im Jahr 1971 hatte es außen an der Fassade Verformungen an den Marmorplatten aus Carrara gegeben. Viele hatten sich aufgewölbt und ausgedehnt. Alsbald hatte die Fassade eine Oberfläche wie eine Matratze, zudem war an vielen Stellen der Marmor aus den Ankern ausgebrochen und instabil geworden.

Es gab ein Forschungsprojekt zu den Ursachen der Verformung und ab 1990 eine Sanierung mit größtmöglicher Rücksicht auf den Denkmalschutz. Man entschied sich für einen anderen, besonders harten Marmor aus Carrara, jedoch letztendlich wieder für eine ungeeignete Sorte.

Alsbald tauchten dieselben Probleme wieder auf.

2000 wurde ein großes Forschungsprojekt der EU gestartet. Es lief über 5 Jahre und sollte endgültige Lösungen für das Problem finden, denn Europas gesamte Steinbranche war bedroht.

Die Finlandiahalle vor der aktuellen Sanierung der Marmorfassaden.

TEAM (Testing and Assessment of Marble and Limestone) lautete das Akronym des Projektes, erkleckliche 4 Millionen EU betrug das Budget (davon kam gut die Hälfte von der EU), 9 Länder mit insgesamt 16 Firmen oder Institutionen waren beteiligt. Die Koordination hatten die Schwedischen Research-Institute (RISE) inne. Es ist die zentrale Forschungsstelle des Landes und auch zuständig für die Naturstein-Standards dort.

Unter anderem werteten die beteiligten Wissenschaftler rund 400 Schriften aus, die bis auf das Jahr 1800 zurückgingen. Denn immer wieder hatte es in der Vergangenheit Einzelfälle gegeben, wo Marmorplatten sich an Gebäuden aufgewölbt hatten.

Die Zahl solcher Fälle nahm im 20. Jahrhundert in ganz Europa stark zu, was daran lag, dass nun der edle Stein einfacher transportiert und mit moderneren Methoden an den Fassaden verankert werden konnte.

Den Abschlussbericht der Forschungen haben wir unten verlinkt. Eines der wichtigsten Ergebnisse sind die bereits erwähnten Testverfahren, mit denen sich abschätzen lässt, ob sich eine Steinplatte an einer Fassade verformen wird. Im Rahmen des Projekts wurden 75 Musterplatten aus 15 Ländern im Labor durch die Mühle der Experimente gedreht. Anders als im Projekttitel „Testing and Assessment of Marble and Limestone“ gesagt, handelte sich auch um Granite sowie Kalk- und Sandsteine und einige mehr.

In einem separaten Text aus unserer Reihe „Stone Detail“ hat Björn Schouenborg von RISE für uns die Testverfahren beschrieben. Er hatte die Federführung des Projektes inne.
https://www.stone-ideas.com/92581/finlandia-hall-testing-methods-marble-panels/

Die Finlandiahalle vor der aktuellen Sanierung der Marmorfassaden.

Zurück zur aktuellen Sanierung.

Es stand keineswegs von Anfang an fest, dass wieder ein Marmor an die Fassaden kommen würde: vielmehr gab es – unter Berücksichtigung der neuen Erkenntnisse – von 2018 bis 2021 in den RISE-Labors und auf dem Dach des Gebäudes Testreihen und zwar mit verschiedenen Marmorsorten, aber auch anderem weißen Stein wie Granit oder gar anderen Materialien wie Beton, Keramik und sogar recyceltem Glas.

Tests mit verschiedenen Fassadenmaterialien in den Labors der schwedischen Forschungsinstitute (RISE) und auf dem Dach der Finlandia-Halle. Foto: Björn Schouenborg

Nun also hat die Installation des Lasa Nuvolato an der Fassade begonnen.

Parallel läuft ein Programm der Qualitätssicherung, von dem Björn Schouenborg sagt: „So etwas habe ich noch nicht gesehen.“ Dazu muss man wissen, dass Schouenborg seit 30 Jahren als Geologe, Berater und Spezialist für Naturstein am Bau unterwegs ist.

Diese Qualitätssicherung beginnt damit, dass im Bruch die Blöcke getestet und penibel lokalisiert werden. In der Verarbeitung folgen Überprüfungen an den Platten.

Angekommen in Helsinki suchen die Experten dort nach Schäden infolge des Transports, unter anderem mit Hilfe von Ultraschall.

An der Fassade angebracht, gibt es wieder Überprüfungen der Platten und zwar sofort nach Installation, dann nach 1, nach 3 und nach 5 Jahren. Dafür wird man auch einzelne Stücke herunternehmen und im Labor genauer betrachten.

Das Ganze wird penibel dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet.

Der Leser ahnt: in dem Projekt Finlandia Hall steckt viel Potenzial für die Steinbranche. Man kann einen Vergleich zu Beton oder Kunststein ziehen: deren Herstellung, Verarbeitung und Installation wird von den Industrien en detail beherrscht und auch gesteuert – nun wird man auch für Natursteine neue wissenschaftliche Erkenntnisse etwa zur Verarbeitung, zum Transport oder zur Anbringung an einer Fassade bekommen.

Die Sanierung soll 2024 abgeschlossen sein. Sie geht einher mit einer Modernisierung der kompletten Gebäudetechnik und verschiedenen Anpassungen an die aktuelle Nutzung. So gibt es eine größere Küche für das Restaurant oder neue Räume für den Service, wie ihn die Besucher heute erwarten.

Während der Bauarbeiten wird die Little Finlandia im Park gegenüber für Events zur Verfügung stehen.

Finlandia Hall

Abschlussbericht

RISE, Björn Schouenborg

Lasa Marmo Srl

Fotos: Björn Schouenborg

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(04.04.2022)