Naturstein aus Belgien kommt immer aus Wallonien, und zu den Berühmtheiten von dort zählen der Petit Granit oder der rote und schwarze Marmor

Historisches Gebäude beim Ausbildungszentrum für Denkmalpflege Paix-Dieu in Amay.Historisches Gebäude beim Ausbildungszentrum für Denkmalpflege Paix-Dieu in Amay.

Die heimischen Steine prägen noch heute das Gesicht der Ortschaften

Ein schönes Beispiel, wie Naturstein einer ganzen Region ein Gesicht geben kann, ist Wallonien in Belgien. Es ist der Teil im Süden des Landes mit der Grenze zu Frankreich und folglich ist französisch die Landessprache. Der Verband Pierres & Marbres de Wallonie hatte eine Gruppe von Architekten und Stein-Fachleuten zu einer Tour durch die Steinbrüche eingeladen.

Der Verbandsname ist etwas irreführend, wollen wir gleich anmerken: es ist der Verband für die Steinbranche von ganz Belgien – der Name kommt daher, dass es im nördlichen Landesteil, der an die Niederland angrenzt und wo folglich holländisch die Landessprache ist, keine Steinvorkommen gibt. Das wird später in unserem Bericht noch eine Rolle spielen.

Wallonien also hat uns mit seiner Schönheit überrascht. Die Dörfer und Städte verdienen wirklich den Titel malerisch, und Gründe dafür sind, dass erstens die Belgier sich wirklich um ihr „Patrimoine“, ihr Kulturerbe, kümmern, und zweitens, dass die heimischen Steine dort dominant in der Architektur vorkommen.

Kalkstein und Sandstein sind die wichtigsten Materialien für die Laibungen rund um die Fenster und Eingänge, sowohl bei historischen Gebäuden als auch bei vielen Neubauten. Es sind helle Sorten, die einen prägnanten Gegensatz zum Rot der Ziegelsteine abgeben.

Historisches Gebäude beim Ausbildungszentrum für Denkmalpflege Paix-Dieu in Amay.

Schon früh in der Geschichte war im heutigen Belgien Naturstein als Baumaterial üblich. Was daran lag, dass es schon zu Zeiten der Römer dort einen Abbau gab. Später wurde das Land für einige Jahrhunderte sogar zum Exporteur für die ganze Welt.

An dieser Stelle müssen wir, wie oben angekündigt, wieder auf den nördlichen Landesteil eingehen. Sein Name ist Flandern und es ist das Territorium der erfolgreichen Händler. Dort hatten die Leute Geld, um sich teure Paläste zu bauen, aber keine Steine, aber was die Steine angeht, gab es sie reichlich im Süden, leicht heranzuschaffen aus Wallonien über die Flüsse Schelde und Maas, die beide Richtung Norden fließen.

Und über den Nordatlantik beziehungsweise die Ostsee konnte man von dort aus sogar leicht Frankreich oder Spanien im Westen oder die Länder der Hanse erreichen.

Der Petit Granit (übersetzt: kleiner Granit) oder Belgisch Granit ist gewissermaßen der belgische Nationalstein. Wieder ist der Name verwirrend, denn es handelt sich um einen Kalkstein mit zahlreichen Tönen von hell bis schwarz, hervorragenden Eigenschaften für die Verarbeitung und, wie der Name sagt, großer Härte und Haltbarkeit. Er wird auch als Blaustein bezeichnet.

Der Marmorhof im Schloss von Versailles: Petit Granit aus Belgien und weißer Marmor aus Carrara. Foto: Luis Miguel Bugallo Sánchez / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Er wurde überall in Europa und darüber hinaus in Großprojekten verbaut. In Brüssel findet man ihn an jeder Ecke, in Maastricht ebenso, ebenso in der Innenstadt von Chartres in Frankreich, am Bahnhof in Straßburg oder dem neuen in Lüttich, erbaut von Santiago Calatrava, und nicht zuletzt, davon redet immer noch die Welt, im Marmorhof des Schlosses von Versailles (zusammen mit weißem Carrara-Marmor).

Während der Petit Granit, zusammen mit Sandstein- und Schiefersorten sozusagen das Brot auf dem Tisch der Steinbranche war, spielten verschiedene Marmorsorten die Rolle der Butter. Denn in Belgien wurden einmal in großen Mengen polierbare rote, pinkfarbene oder schwarze Sorten abgebaut, das für besondere Projekte wie den Petersdom in Rom, den Dom von Florenz oder, natürlich, das Schloss von Versailles.

Die Vorgeschichte dazu hat ihren eigenen Charme, weshalb wir sie erzählen: an den Italienischen Kriegen zwischen zwischen 1494 und 1559 nahmen auch Adlige aus französischen Fürstentümern teil, und auf den Kriegszügen in Italien lernten sie die Marmorpracht der dortigen Adelssitze und Stadtvillen kennen. Nach ihrer Rückkehr wollten sie sowas auch und fanden die passenden Steine im heutigen Belgien. Alsbald entwickelte sich ein reicher Handel solcher Sorten nach Frankreich, das auf dem Wasserweg nahe lag.

Der rote Rouge de Rance und der schwarze Noir de Mazy waren besonders begehrt. Im Schloss von Versailles, klar, findet man sie sogar im Spiegelsaal.

Ludwig XIV ließ seine Ingenieure einen extra Transportweg bauen, um die schweren Säulen des Rouge de Rance nach Paris zu schaffen.

Steine aus Wallonien als Fassadenverkleidung am Ausbildungszentrum Pôle de la Pierre in Soignies.

Der schwarze Marmor wird noch heute unter dem Namen Noir de Golzinne oder Noir de Mazy (Noir Belge) abgebaut und ist weiterhin eine Rarität.

Einige Jahrhunderte war die Steinbranche einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Wallonien. Noch im Jahr 1900 zählte sie 30.000 Beschäftigte. Einige der Firmen erreichten die Größe von Industriebetrieben. Und: eine Variante des Schneidens der Blöcke mit dem Drahtseil wurde hier erfunden und patentiert.

Im 1. Weltkrieg, dessen Schlachten zum Großteil in Belgien ausgetragen wurden, nahm die Branche schweren Schaden. 1938 zählte sie immerhin wieder über 25.000 Beschäftigte.

Seitdem ist diese Zahl auf rund 7000 gesunken.

Einer der Gründe ist die Konkurrenz von Billiglieferanten aus China, Indien, Vietnam oder der Türkei mit alternativen Kalk- oder Sandsteinen. Für den Blaustein gibt es Konkurrenz aus Irland.

Heute zählen die meisten Unternehmen zwischen 30 und 40 Mitarbeiter. Ausnahme ist die Firma Hainaut mit einem riesigen Steinbruchgelände, 35 aktiven Gattern für die Verarbeitung und rund 400 Mitarbeitern.

Steine aus Wallonien als Fassadenverkleidung am Ausbildungszentrum Pôle de la Pierre in Soignies.

Zusammen mit ihrem sehr aktiven Verband haben die wenigen Firmen es immerhin geschafft, die Nachfrage nach Naturstein hoch und die heimischen Sorten populär zu halten: Laut der jährlichen Statistik von Dr. Carlo Montani („XXXII Rapporto marmo e pietre nel mundo 2021 / XXXII Report marble and stones in the world 2021“) liegt das Land in der Rangfolge des Pro-Kopf-Verbrauchs an Werksteinen weltweit auf dem 4. Platz: Im Jahr 2020 haben die Belgier pro Person 986 rechnerische Einheiten (Quadratmeter mit 2 cm Dicke) verbraucht, hinter den Schweizern (1585 Einheiten), den Saudis (1431 Einheiten) und den Südkoreanern (1097 Einheiten). Dabei war jenes Jahr für die Belgier vergleichsweise schlecht gewesen; normalerweise liegen sie im Durchschnitt zwischen 1400 und 1700 Einheiten

Pierres & Marbres de Wallonie (französisch, niederländisch, englisch, deutsch)

Mehr Natursteine aus Belgien in unserem STONE FINDER:

* PIERRE BLEUE BELGE limestone (Belgian Blue Stone – Petit Granit)
* BLUE STONE OF HAINAUT (Pierre Bleue)
* SLATE FROM HERBEUMONT (schiste d’Herbeumont)
* VINALMONT LIMESTONE (Calcaire de Meuse)
* PIERRE DE WAIMES sandstone
* GRÉS DU BOIS D’ANTHISNES sandstone
* BACK MARBLE OF GOLZINNE
* RED GRIOTTE and RED ROYAL marbles
* WARCHE SHISTOSE SANDSTONE
 

See also:

(20.08.2022)